D-Q4510

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Transcript

Mein Leben und Charakter

Qui praestare ceteris animalibus student,
Vitam silentio transeant[1]
Sallustius

<[3] 1>
____________
Nicht der geäußerte Wunsch großer Männer*[2]; daß man mehrere,
mit Einsicht geschriebene Biographien des mitlern Standes, haben
sollte, sondern mein eigener moralischer Vortheil, mich selbst beßer
kennen zu lernen, Spuren der göttlichen Vorsehung an mir zu
entdecken, und den erlauchten Orden näher bekannt zu werden,
dieß veranlaßet mich, gegenwärtige Beschreibung meiner
Lebensgeschichte und meines Charakters zu entwerfen, Um
ihr das Gepräge der Wahrheit aufzudrücken, konnte ich nicht
einzelne Stellen heraus heben, sondern ich bin im Zusammen-
hange geblieben, und wenn aus dem Grunde zuweilen einige
Mikrologien vorkommen, so wird der Leser die Hauptabsicht
Doch zu edel finden, als daß er eine kleine Umständlichkeit
um deswillen nicht gern zu verzeihen belieben sollte.

Mein vierzehntes Jahr ist die Zeit, in die ich mit
Gewißheit zurück denken kann, oder in welcher ich anfieng,
auf Welt und Daseyn aufmercksam zu werden. Ein unglück-
licher Zufall mochte hieran vielen Antheil haben. Denn es|<[4]>
ist damit nicht selten, wie mit der Stummheit des jungen Crösus,
der plötzlich die Bande seiner Zunge zerriß, und reden konnte,
als er seinen Vater in der Gewalt feindlicher Soldaten er-
blickte.(x) [3][4]

Der meinige, gerade das Gegentheil vom Crösus, war
Docent einer kleinen Stadtschule,[5] doch werth, daß seine
Wißenschaften beßer erkannt und belohnt worden wären,
gerieth in die Hände des unerbittlichen Feindes, auf eine
Art, die unter den besondern Todesveranlaßungen mit
Recht ihre Stelle verdient. Er hatte nehmlich gehört,
daß sein ehemaliger Lehrmeister in der Nähe Prediger
geworden war, und bediente sich daher einstmahls der
gewöhnlichen Freystunden, selbigen zu besuchen, um nach
so vielen Jahren, in denen sie sich nicht gesehen hatten,
die Liebe und Freundschaft zu erneuern, die unter
guten Lehrern und Schülern eigentlich niemahls veraltet.
sie sehen einander, – sind vergnügt. Beym Abschied|<[5] 2>
will ihn der Pastor durch den Pfarrgarten, wo das Gesinde
einen Weg über die Wand gemacht hatte, etwas näher
führen. – Die mürbe Wand giebt nach – mein Vater fällt,
und verengt den Fuß.

Man hält anfänglich den Schaden für zu gering, oder
denkt vielleicht auch zu gut von dem Chirurgus, als daß
man in deßen Geschicklichkeit einiges Mißtrauen hätte
setzen sollen. Die Sache geht schlecht. – Weder Schwulst
noch Schmerzen wollen sich legen. – Der Patient verlangt
nach Hauße – wird kräncker – ein Fieber bemächtiget
sich seiner – er fühlt sein nahes Ende, welches der Medicus
bestätiget – entdeckt es unserer Mutter, die ganz in
Thränen zerfließt; - wir werden um sein Bett ver-
sammlet – er segnet uns – weint selbst mehr, als er
spricht – beschäftiget sich besonders mit dem Jüngsten,
einen Knaben von vier Jahren – liegt noch wenige Tage, und stirbt|<[6]>

Welche Aussicht für die Mutter[6] mit fünf Kindern, ohn
alles Vermögen!

Doch wie der Blitz selten den Baum trift, ohne auch die
Zweige mit sich niederzureißen, so wurden wir zu gleicher
Zeit alle bettlägerig, todtkranck, und unsere Mutter, ob
sie schon der Macht ihrer Leiden, die ihr eigenthümliche
Stärcke der Religion, anhaltend entgegen setzte, so wurde
sie doch von überwiegenden Schmerz und Kummer so
plötzlich besiegt, daß sie binnen acht Tagen unserem Vater
in die Ewigkeit nachfolgte.

Da wir ohne Bewußtseyn darnieder lagen, so erfuhren wir
ihren Todt nicht eher, als biß wir wieder anfiengen
einer nach dem andern das Lager zu verlaßen; fragten,
weinten, sahen und lächelten uns an, als Genoßen
einerley Unglücks, die gewöhnlich die beßten Freunde
zu seyn pflegen. Einer hieng am andern; der
Schwächere an dem Erholteren; nichts fiel dem einen
bey, der andere, wo er könnte, gewährts ihm; und ist|<[7] 3>
es auch nur Dichtergedancke, was ich vom Herabschauen
der Verstorbenen irgendwo gelesen habe, so gefällt er
mir gleichwohl, weil ich wünschte, daß unsere Eltern
alle die Eintracht möchten gesehen haben, die unter uns
herrschte, und die uns das Elends, dieser würcksame Lehrer
und Freund menschlichen Herzens, ietzt weit natürlicher
und schöner in uns hervor brachte, als alle Grundsätze der
beßten Erziehung.

Zu weit entlegen von unsern Verwandten, und beynahe
als verpestet ausgeschrien, (wie denn auch würcklich eine
Epedemie derselben damahls den Anfang genommen hatte) also fast
von iedermann, und so gar obrigkeitlicher Vorsorge
verlaßen, waren wir genöthiget, und selbst alles in
allem zu seyn; Rathgeber in Veranstaltungen; Auf-
seher bey Feuer und Licht; Schutz und Beruhigung wieder
kindliche Furcht; Arzt und Trost, so oft der unrecht-
gestillte lebhafte Adpetit, der nach solchen Kranckheiten
zu erfolgen pflegt, den einen oder den andern mit|<[8>
Rückfall bedrohete.

Auf diesen Fuß lebten wir biß wir uns sämmtlich
erholt, und Vormünder bekommen hatten, die für unser
Unterkommen und für den Verkauf der entbehrlichen Mo-
bilien sorgten.

Mein ganzer Erbantheil bestand in Zehn Thalern an
Gelde, in einem Bett, und zweyen Kircheniahrgängen, womit
ich wieder auf die Schule nach Buttstädt zurück gieng, die ich
kurz vor dem Umsturz unserer Familie erst bezogen hatte.

Nicht iugendlicher Leichtsinn, sondern eine natürliche
Anlage, dem Unglück zu wiederstehen, machten mich gegen
meine Umstände ziemlich gleichgiltig, und die fast gr[oßen-]
theils vergebliche Sorge fürs Zukünftige, fand bey mir
so wenig statt, daß ich auf eine socratische Art un-
willig wurde, wenn iemand durch weibisches Beklagen
meinen kleinen Heroismus zu nahe treten wollte.

Ich konnte singen, schreiben, und hatte die Anfangs-
Gründe der Latinität inne. Dieß mit dem nöthigen
Sittlichen Betragen vereiniget, gewährte mir bald die|<[9] 7>
Liebe meiner Präceptoren und auch solcher Persohnen, die für
Singen, Schulsache, und Republick, weiter kein Gefühl hatten.

Mein Haußwirth war der damahlige Organist Krebs,[7] ein
armer aber glücklicher Vater dreyer berühmt gewordenen Söhne,
davon der eine Recktor(x)[8][9] der Provinzialschule in Grimma, der zweyte
Hoforganist in Altenburg,[10] und der dritte Recktor der Buttstädtischen
Stadtschule gewesen ist.[11] Dieser mein Haußwirth, war einer von
denjenigen Alten, die ohne beym Catheder geseßen zu haben,
dennoch so viel allgemein Brauchbares verstehen, und dieses so
gut anzuwenden wißen, daß ich vermutze, Sirarch habe in
seinem Ausspruche; geselle dich gern zu den Alten, auf daß
du Weißheit von ihnen lernest p. diese Claße hauptsächlich ver-
standen wißen wollen.

Er hatte meine zehn Thaler im Beschluß, und selbst der
Strengste Nothfall erlaubte mir nicht, etwas davon angreißen
Zu wollen. Um mich beständig auf meine Umstände aufmerck-
sam zu machen, ließ er es nicht an Erinnerungen fehlen, die
er doch niehmahls geradezu anbrachte. Er that es auf die|<[10] 8>
sicherste Art, immer mit andern Worten, und bey Gelegenheiten,
die mich nicht anzugehen schienen. Merckte er, daß mir der
kleine Verräther des Herzens, die Zähre des Ehrenpüncktgens
ins Auge stieg, so hatte er auch schon den Balsam bey der
Hand, womit er die Wunde heilte, indem er das Gespräch
Entweder auf angenehmere Gegenstände richtete, oder der
Ehrbegierde selbst, eine Lobrede hielt, wie sie nehmlich, von der
Vernunft geleitet, oft der alleinige Grund, wahrer guter,
edler, und großer Handlungen sey, u. d. g.

Durch diese Behandlungsmethode und andere würdige
Eigenschaften des Mannes, wurde ich ganz natürlich an ihn
Hingezogen, und es würde eine meiner beschämendsten Er-
innerungen seyn, wenn ich deßen redliche Absichten irgend
iemahls nicht völlig entsprochen haben sollte; wäre es auch mit
einigem Zwange geschehen.

Ich bewieß mich auf die möglichste Art dienstfertig, und
Der Nahme Haußwirth und Haußwirthin, verwandelte sich
Dagegen immer mehr in den weit behaglichern eines Pflege-
Vaters und einer Pflegemutter. Ich wohnte unentgeltlich
Im Hauße; genoß freyen Clavierunterricht, und alle|<[11] 9>
Die unnennbaren Kleinigkeiten von der Semmel biß auf die
Unentbehrliche Stecknadel.

Zwey Jahre waren nunmehro verfloßen, als der Rector
Dasiger Schule, Magister Magen[12], Bruder des noch lebenden
Leibarztes in Sondershaußen, mit Todt abgieng. Der Krebsische
iüngste Sohn, Student in Leipzig, Schüler und Liebling von
Ernesti,[13] hatte sich vorzüglich den Schulwißenschaften ge-
widmet, und wurde vom Stadtrath zu der vakanten Stelle
berufen. Es ist leicht zu erachten, wie sehr sich iezt der
Himmel meiner Haußwirthsleute aufblühete, wobey zugleich
ein neuer heiterer Strahl göttlicher Vorsorge, auch auf mich
mit herabschien. Denn die Gesinnungen der Eltern wurden
nun auch die Gesinnungen des Sohnes. Er ließ mir alle
Privatstunden frey genießen, verlangte aber auch davor
Weislich zweymahl so viel Fleiß, als von denen die sie
Bezahlten.

Seine Methode war die Ernestische. Er kannte die Wege
auf welchen einer iunge Leute zu bilden pflegte; hielt
ungemein streng auf tägliches Elaboriren, und auf Ordnung|<[12] 10>
der Hefte, so wie darauf, daß der Mantel stets symmetrisch
auf beyden Schultern hängen mußte.

Ich saß fünf Jahre unter ihm, und hatte beym Weggange
Auf die Academie eine so ungeheure Menge von Exerzitien
Versen, Übersetzungen, p. daß sich der ganze Pindus[14] damit tapeziren laßen.

Er trieb sein Schulamt nicht mechanisch; war Vater und Freund
seiner Schüler, Beobachter auch wo wirs nicht vermutheten,
und – – mit ein wenig Pedanterey, die sich nicht ganz
davon trennen läßt, ließ er sich besonders auch unser
moralisches Wachsthum angelegen seyn.

Noch ehre ich seine Asche vor iede Liebe, die ich zuweilen
vor Strenge erkannte. Er war kein Mann nach der Welt,
aber ein Mann für die Welt, die ihn verlohr, wenn sie
zehn andere kaum vermißet.

Bey dem allen blieb meine damahlige Jugend, in gar
vieler Rücksicht, ein dornigter rauher Weg, der von Schmerz
zu Schmerz übergieng, und wäre nicht dieses Alter mit
derjenigen glücklichen Leichtigkeit versehen, mit der es|<[13] 11>
sich über alle, besonder auch aus der Armuth entspringende
Leiden, so wundernswürdig hinweg sezt, opder ich hätte von
der Natur weniger kühnen Geist gegen das Unglück gehabt,
so würde ich wahrscheinlich vor der Zeit von der Stelle ver-
drängt worden seyn. Das Horazische: non possidentem multa
vocaveris recte beatum[15] oder, daß selbst der thebanische Held.
Epanimondas,[16] so lange zu Hauße bleiben mußte, wenn
Er seinen einzigen Rock zum Schmiede schickte, schien mir
Damahls wie vom Himmel herunter gesagt, und würde es noch
Scheinen, wenn der Mensch, ach allgemein bestätigter Erfahrung,
in einem Leben von gewöhnlicher Länge, nicht drey verschiednee
Epochen in seinen Gesinnungen machte.

Dich wie? Ist es Ehre, oder soll ich mich schämen, zu gestehen,
das wohlthätige Brod gemeiner Bürger gegeßen, und vor den
Thüren gesungen zu haben? Oder soll michs überhaupt gereuen,
sieben Jahre im schwitzenden Kercker der Schulstube verweilt, und
auch außer demselben so manche Stunde beym elenden Scheine
der Lampe, oft mit vertrocknetem Gaume, unter der ungewiße-
sten Hofnung, verlebt zu haben?

Nichts von alle dem! Mir war unverschuldete Armuth|<[14] 12>
Schande, und nie wurde etwas gelernt, daß iezt oder
Künftig von einigem Ertrag gewesen wäre.

Ich gieng meinen Weg getrost fort; bephilosophierte ihn, so
Gut ichs konnte; nahm die Sachen, wie sie waren, und noch erinnere
Ich mich mit Vergnügen der teilnehmenden Discourse, wen mein
Recktor seine Eltern besuchte, und nun über meine Zukunft ge-
meinschaftlicher Rath gehalten wurde. Ich sollte studiren, das
wollten sie alle, und biß auf den Umstand der Kosten, war
auch von meiner Seite alles berichtiget. Hätte ich meiner
Lieblingsneigung folgen können, die freylich auch Unterstützung
Erforderte, wo wäre ich Künstler geworden. Dieß lag mir
Eigentlich ganz in Adern und Gebeinen.

Inmaßen hatte ich das achtzehende Jahr erreicht, fieng an,
gegen meine kleine Hypothese vom guten Muthe doch etwas
nachgiebiger zu werdenm und fühlen, daß der Leib ganz
anderer Art sey, als die Seele.

Ich bemühete mich, ein Stipendium zu erlangem. Zu unbe-
kannt mit den Ursachen, nach welchen es denen Testaments-
Executoren oft unmöglich wird, dergleichen Stiftungen nach
Der wahren Absicht zu vertheilen, hofte ich nichts gewißer,|<[15] 13>
Als die Erfüllung meiner Bitte; allein, dem Suplicant
Wurde auf sein unterm – – zur Resolution ertheilet: daß
weilen die Legata bereits auf verschiedene Jahre hinaus vergeben
wären, deßen Gesuch vor der Hand nicht – –. Ein zweytes
Rescript enthielt: daß es bey der unterm – – sein Bewenden
Behalte, und das dritte würde, bey fortgesetztem Bombardment,
wahrscheinlich mit einem: nicht weiter zu behelligen, geschloßen
haben.

Das servare mentem in rebus arduis[17] schien demnach
Alles was mir zu thun übrig blieb, und wenn der von Lebens-
mitteln entblößte Schiffer auf offenbahrer See, noch darzu
das todesängstliche Unglück sieht, von einer ganzen Welt
voll Menschen abgeschnitten zu seyn, so war ich doch nur
auf festem Lande dürftig, – war es ohne Verschulden, und
unter Menschen, die den Glauben wenigsten nicht alle ver-
läugnen.

Diese verfehlte Hofnung beunruhigte mich, aber den Hauptvorsatz
Änderte sie nicht. Vielweniger war ich so blödsinnig, deswegen
an der Einrichtung und menschlichen Verwaltung der Welt etwas
zu meistern. Mein Vaterland und die Obrigkeit drinn, er-|<[16] 14>
hielten in meinen Gebeten, die ich mir gewöhnlich selbst zu ver-
fertigen pflegte, eine desto vorzüglichere Stelle. Denn Gottes-
Amt ist es, Blitze zu werfen; wer hinein greift, wird davon
getroffen.


Ich nachte nun Anstalt, mit denen zehn Thalern, die ich
im Erbe bekommen hatte, die Universität zu beziehen. Mein
Haußwirth hatte sie so sorgfältig aufbewahrt, daß ich sie in
den nehmlichen Sorten wieder bekam, Diese Genauigkeit, das
Damit verknüfte Andenkcken an meine Eltern, und die guten
Lehren, unter denen sie mir meine Hauswirth auszahlte
Machten mir diese kleine Summe zum großen Capital.
Wende er sie wohl an! Hieß eas. Vertraue er Gott, und –
(ultima pagella me pupugit[18]) meide er vorzüglich böse Gesell-
schaft und Frauenzimmer!

Indem ich ringsum Abschied nahm, fand sich ein Mann
der in der Einladung zum Schulacktus,[19] aus Versehen übergangen
worden war, und mir darüber einen ziemlichen Vorwurf
machte.

In Fällen, wo uns starcke Freundschaft an andere bindet
oder frappanter Unwille von ihnen entfernt, pflegen uns|<[17] 15>
so gar einzelne Ausdrücke gegenwärtig bleiben, und ich erinnere
mich daß er sagte: hat die hiesige Literatur schon längst auf eigenen
Füßen gestanden? Bin ich zu klein, um übersehen zu werden, oder
Woran hats gelegen?

Ich erinnerte, daß Rath. X. ais keiner anderen Ursache über-
Sehen worden sein könne, als weil sein Werth zu sehr vor Augen liege.
Welches Lob mit einem Stachel begleitet, ihn auf der Stelle beruhigte.
Er billigte meine Wahl des iuristischen Studiums, und trug mir
seine Unterstützung an, im Fall es, wie er vermuthe, an den nöthigen
Büchern, und zu anderen dringenden Ausgabe zuweilen an Gelde
Fehlen sollte.

Ließ sich die Freude nach Flächen ausmeßen, so war ich damahls
durchaus ein solches Stücke Freude; zog nun hin im Triumph über
die eingebildete Poße der Armuth; kam nach Jena, erhielt
die Vorlesungen frey, und freyes Logis bey einem Manne, der
ebenfalls die Stürme rauher Jugend erlitten, aber ietzt überstanden
hatte, und aus eben dem Grunde viel richtige Erfahrung zu
besitzen schien, so daß ich mich glücklich schätzte, unter seiner
freundschaftlichen Leitung die Universitäts-Jahre angetreten
zu haben. Ich wohnte beständig bey ihm, und speißte an einer
seiner beyden Freystellen im Convickt, die er mir zu creditiren-|<[18] 16>
versprach, biß ich ihn zu befriedigen im Stande seyn würde.
Er erklährte mir die vornehmsten Lebensregeln, die ich zu beob-
achten hätte; machte mich mit der guten und der bösen Seite der
Akademie, mit der besonderen Aufsicht über die Landeskinder, mit
dem Fleiße der Profeßoren, mit der Möglichkeit, hier leichter
unverführt und unverdorben zu bleiben, als auf andern
Universitäten, wie auch mit dem Charackter der verschiedenen
Ausländer, bekannt, und lobte die (*)[20] Ungarn. Wenn er: iunger
Herr! Sagte, so hieß das so viel: Lernt einsehen, wo es es euch
fehlt, und die Nadel stets eingefädelt am Kißen
hangen. Dieß, mit ein wenig Jachzorn vereinigt, machte ihn
indeßen für mich zur Freundschaft nicht ungeschickt, doch
unterhielte wir bloß eine vernünftige.

Ich besuchte nunmehro die Vorlesungen, und sie gefielen|<[19] 17>
mir, die einzige Logick ausgenommen. Nach ihr mochte ich nicht
dencken noch schließen lernen. Weit beßer hatten mich das der
Umsturz meiner Familie, meine verwaißten Jugend, mein
Haußwirth auf Schulen, das versagte Stipendium, und der nicht
Eingeladene fürstliche Rath, gelehrt, als es im guten Reusch[21]
enthalten seyn mochte.

Ich bringe ihnen etwas mit, sagte ich einstmahls zu meinem
Contubernal,[22] das zu keinem von den Reichen gehört,
auch weder Ende, Luft, Waßer, noch Feuer, und noch in der Welt
ist, eine Apperceptio appercepta. Geben sie Rath, wie
man die Sache hinunter bringt!

Ein unglücklicher Zufall schien mich ietzt für die verachtete
Logick bestrafen zu wollen. Ich wurde kranck und wäre es
vielleicht weniger geworden, wenn ich Reuschen mehr geliebt hätte.
Ich schloß beym Anfall des Scheuers auf Füße, und dem
gerade auf D. Wedels Flußeßenz.[23] Weil ich eine ziemliche
Portion davon zu mir genommen hatte, so gerieth ich in eine
Hitze und Angst, daß ich unter dem kläglichsten Beginnen
Auf keiner Stelle zu bleiben wußte. Eine Menge Thee und
Waßer milderte die Angst wieder, allein wie sich bey
Feuersbrünsten nicht sagen läßt, daß die Gefahr vorüber|<[20] 18>
sey, wen von außen die Flamme gelöscht ist, so glomm
mein Fieber iezt tief in Adern und Gebeinen, und ich lag am
Morgen wie zerschlagen.

Der mit Weinreben besezte nahe Hügel; die feyerliche
Scene der aufgehenden Sonne, und die vergnügten Gesänge der
kleinen Waldbewohner, vermochten iezt nicht, einen Strahl von
Heiterkeit in meine Seele zu gießen. Düstere Todtesgedancken
Umhüllten sie, und selbst keiner von meinen Sodalen[24] die mich
Besuchten, war vermögend, ein kurzes schwaches Lächeln über
meine blaßen Lippen zu verbreiten, als nur mein angenehmer,
tugendhafter, längst seeliger M… dieser geschickte, edle
Jüngling, sage die Furcht, die Zweifel, die sich wieder mich
Rüsteten, mit mehr als Freundes-Theilnehmung, und nie
verließ er mich, ohne eines neuen für mich erfochtenen
Siegs versichert zu seyn.

Siehe! In welchem Frieden ein Christ stirbt, sagte Addison;[25]
aber hier konnte es heißen: siege! Wie ein Freund uns
sterben hilft.

Mein Medicus war der damahlige geheime Rath. K.
der mich durch seinen Famulus, einen zwar anstelligen
aber iungen Mann, beschickte, und der unentschlüßig|<[21] 19>
genug zu seyn schien, an welcher Curmethode ich die Welt
verlaßen sollte.(*)[26][27]

Ich lag vierzehn Tage ohn Unterschied. Mein hitziges Fieber
war gleich einem bösen Hunde an Ketten gelegt, aber nicht
zum Schweigen gebracht. Mit Zwang verließ ich endlich
das Bett. Weder Eß- noch Arbeits-Lust, noch Kräfte, fanden
sich wieder, und mein Ende würde die Auszehrung geworden
seyn, wenn ich nicht bald einen Arzt getroffen hätte, der
mir von neuem Medicamente verordnete, die ich an dem
Orte meines vorherigen Aufenthaltes brauchen sollte.

Ich miethete ein Pferd, Jeder Schritt war Tortur, und
Kaum hatte ich eine Stunde zurückgelegt, als mich ein Donner-
wetter auf freyem Felde überraschte. Wie darfst du
deine Gesundheit wieder hoffen, da dich auch dieß noch
betrifft?

Unter diesen und ähnlichen Gedancken verzog sich das
Gewitter. Die Sonne drang durch die dicken Decken der Nebel
It neuem verdoppelten Glanze, und die auflebende Natur|<[22] 20>
Schien zu sagen: Für dich war diese Erschütterung, dieser
Balsam! Bald wirst du das Wohlthätige davon empfinden.

In der That, ehe ich noch weit gekommen war. Fühlte
ich mich als neu belebt; ritt mit mehreren Anstande; ver-
suchte das Gehen; aß tranck etwas mit gesunderem Appetit,
und erreichte Abends den Ort meiner Bestimmung. Ich
versuchte nun die mitgenommene Medizin, verfiel in
eine Art heilsamen kalten Fiebers, und wanderte nach
ein Paar Wochen völlig gesund wieder auf meine Aca-
demie zurück.

Beste! Ein Student ward krank und wieder gesund;
Welche Kleinigkeit!

Aber der Weise, der den Werth eines Menschen nicht
verkennt, und bey dem Reichthum der Zeit an intereßanten
Schriften, die meinige nicht verschmähet; wie leicht
wird ihm, die Beschreibung kleiner Begebenheiten zu
billigen!

Auf meiner Zurückreiße konnte es mir nicht an aller-
ley Betrachtungen fehlen. Ich dachte vorzüglich dem Glück
der Gesundheit nach, welches zu wenig erkannt, und oft|<[23] 21>
gar gemißbrauchet wird. Schrecklicher Gedancke!

Dichter und Redner, sollten nachdem sie die Jahreszeiten,
den Morgen, Mittag, und Abend, das Landleben, den Wein,
die Freundschaft, und die Liebe, beschwazt und besungen genug
haben, diese Ehre doch billig auch der Gesundheit erzeigen,
die in viel stärckerer Bedeutung Wohlthat des Lebens ist.
Dieß würde die Sorgfalt für ihre Erhaltung, in einem höherm
Grade befördern, und ein, von der Natur schon dem Menschen
so gelegtes Intereße, weit anziehender machen. Meister-
stücke von der Art, würden sich ohnstreitig auf das, leider!
nicht mehr davor gehaltene, Verbrechen des subtilen Selbst-
mords, erstrecken; indes Übermaaß, iede Unordnung, iede
heftige Leidenschaft, als so fiel Dolche darstellen müßen,
die sich die Menschen selbst ins Herz stoßen. Sie würden uns
von der traurigen Wahrheit überführen, daß diese alle
keines natürlichen Todes sterben; daß sie der Gesellschaft
vor der Zeit Mitglieder entzogen, folglich die Ordnung Gottes
stöhrten, und Eingriffe in seine Maiestätsrechte begiengen.

Doch, wollte der Herr Sünde zurechnen, dann dürfte auch
Der vorwitzige Selbstarzt nicht ganz vor ihm bestehen. |<[24] 22>

Mit der redlichsten Gewißenhaftigkeit überlegte ich [iezt]
Auf meinen Rückwege den Umstand mit der Flußeßenz,
zergliederte ihn nach der mir eigenen Geblütsmischung; [zog]
davon wieder zu meinen anderen Sorgen über, und besann [mich]
wie ich zweyen Aerzte zugleich befriedigen wollte, im Falle
sie sich nicht höchst billig würden finden laßen. Die Blu[men]
auf dem Felde; der vorüber fliegende Vogel, der nicht sät noch
spinnt, und doch ernähret wird,[28] schüzten mich bloß wieder
die ängstliche Kleinmuth. Niemand reichte die Schultern,
um tragen zu helfen. Mein freywilliger Unterstützer, [sah]
nach diesem Vorfall, seinen Vorschuß mit dem mit dem Maaßstabe
der Gefahr zu meßen, welcher er sich auf meinem Todesfall
aussetzen würde, und es gehörte gewiß(*)[29] Platos weite und
starcke Brust dazu, meine ohne Munition angetretene
Schiffarth zu überdencken, und Muth dabey zu behalten.
Man muß ein solcher Schiffer gewesen seyn, wenn man
Richtig davon urtheilen will.

Notes

  1. "Qui sese student praestare ceteris animalibus, summa ope niti decet, ne vitam silentio transeant veluti pecora, quae natura prona atque ventri oboedientia finxit." — "Alle Menschen, die danach streben, die übrigen Lebewesen zu übertreffen, sollen sich mit höchster Kraft bemühen, ihr Leben nicht unbeachtet zu verbringen, wie das Vieh, das die Natur, gebückt und nur dem Bauch gehorchend, geschaffen hat." Sallust, De Coniuratio Catilinae, Kapitel 1.
  2. [Fußnote des Texts:] Gellerts moral. Vorles. p. 207.
  3. [Fußnote des Texts:] (x) ανϑζωπε, μ[Zeichensatz recherchieren
  4. Bezug recherchieren
  5. Das identifiziert Friedrich Christianus Rudorff Item:Q76918, den Rektor der Stadtschule Magdala als den Vater.
  6. Christiana Elisabetha Rudorff (geb. Krieg) Item:Q76928.
  7. Johann Tobias Krebs, geb. 7. Juli 1690 in Heichelheim; gest. 11. Februar 1762 in Buttstädt, Organist, Komponist und Kantor, in der Forschung diskutiert als möglicher Komponist der Acht kleinen Präludien und Fugen (BWV 553–560) Item:Q38662
  8. [Fußnote Text:] (x) Tobias Krebs ist besonders durch seine philologischcritichen Animadversiones über das neue Testament bekannt. Riedel sagte einstmahls, daß er seine Rangordnung in der griechischen Literatur so mache: Ernesti, Damm, Krebs
  9. Johann Tobias Krebs (1718 Buttstädt – 1782 Grimma), Studium in Leipzig, 1746 Konrektor am Lyzeum in Chemnitz, 1751 an der Sächsischen Landesschule in Grimma, 1763 Rektor. Item:Q38666.
  10. Johann Ludwig Krebs (1713 Buttelstedt – 1780 Altenburg), Schüler von Joh. Seb. Bach in Leipzig, 1737 Domorganist in Zwickau, 1756 in Altenburg. Item:Q38664
  11. Johann Carl Krebs (1724 – 1759), Rektor der Stadtschule in Buttstädt. Item:Q38665
  12. Christian Friedrich Magen Item:Q190772
  13. Johann August Ernesti (1707 Tennstedt – 1781 Leipzig), Studium in Wittenberg u. Leipzig, 1731 Konrektor der Leipziger Thomasschule, 1734 Rektor, 1742 a.o. Prof. für Literatur an der Universität, 1756 o. Prof. für Rhetorik, 1759 o. Prof. für Theologie.
  14. recherchieren
  15. Lat. Man irrt wohl, wenn man jemanden, der viel besitzt, glücklich nennt! (Horaz)
  16. Personenrecherche
  17. “Den Verstand bewahren in harten Lagen“ recherchieren
  18. „Extrema pagella pupugit me tuo chirographo. Quid ais? Cæfarem nunc defendit Curio? quis hoc putaret præter me? nam ita vivam, putavi“, – Die letzte kleine Seite in Deiner eigenen Handschrift ließ mich aufspringen. Was sagst Du? Der Curius verteidigt nun Caesar? Wer – außer mir – hätte das für möglich gehalten!“ Cicero Epistolarum ad familiares libri XVI. lib. 2, Brief 13 online
  19. Gymnasiale Abgänger mussten sich im regulär auf Latein abgelegten Schulaktus als öffentlicher Redner bewähren. Mit den Einladungen zur Feier, an die sich ein Gastmahl knüpfen konnte, legte der Abgänger Renommee ein.
  20. [Fußnote des Texts:] Es machte das Wercke des Clima, der Erziehung, oder der Gesetze seyn, so zeichneten sich damahls die mehresten Ungarn und Siebenbürgen aufs Vor- theilhafteste aus, und wenn hier ein geputztes Heergen vorbeyfaselte, und dort im Schwarm in lautem Gelächter einherstürzte, blieb sich diese iunge solide Mann immer gleich, und sein Dencken schien ein Gedancke des Aristoteles oder des Augustinus zu seyn.
  21. recherchieren
  22. Mitbewohner
  23. recherchieren
  24. Mitglied einer Sodalität von lat. sodalitas „Kameradschaft“, ob bei religiösen Bruderschaften oder anderen Vereinigungen wie Junggesellen, Schützen etc.
  25. recherchieren
  26. [Fußnote des Texts:] Combien ds Cimetieres avez vous rempli mon cher Z… ami O plusiers, Sire, – à present les choses vont mieux!
  27. recherchieren
  28. Matthäus 6:26 Item:Q50204.
  29. [Fußnote des Textes:] (*) Erat quidem corpus validum ac forte sortitus, et illi nomen latitudo pectoris fecerat; sed navigationes ac pericula multum detraxerunt viribus. Senec. Ep. 58.