D-Q6701

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Kommentar

Briefliche Antwort auf Kritik Beckers an Augusts Konzept positiven und negative Irrtums.

Transcript

A Monsieur
Monsieur le Professeur
Becker|<1>

Ihre gütige Antwort, liebster Bruder, hat mir eine
ausserordentliche Freude gemacht, weil Sie sich die
Mühe gegeben, mir meine schwankenden und dunkeln
Begriffe aufzuhellen und zu berichtigen. Ich gestehe ganz
freymüthig, daß ich mir ein so ungeschicktes Gleichniß,
wie das bewußte, gebraucht zu haben nicht verzeihen kann;
um desto mehr, da es mich dünkt, daß die Meisten mei-
ner guten Brüder sich nicht allein dran gestoßen haben,
sondern auch dabey stehen geblieben sind, um das weni-
ge übrigbleibende Wahre [das Sie so treflich aus meinem
Galimiathias[1] heraus gehoben und ins Licht gesezt] gänzlich
zu vergessen. Sie werden mir vielleicht erlauben, in einer
künftigen Versammlung, einen Auszug Ihres brüderlichen
Schreibens öffentlich vorzulesen; damit die Wenigen, die
ich durch mein Verschulden irre geführt haben könnte,
wiederum den wahren richtigen Weg einschlagen mögen.|<2>

Ohne Ihre Erlaubniß werde ich‘s gewiß nicht thun; allein,
ich nehme mir die Freyheit, Sie inständigst darum zu bitten.
Je mehr Gedanken auseinander gesezt werden, je besser
und sicherer nahen wir uns unserem verehrungswürdigen
Zwecke; und an diesem muß uns ungleich mehr liegen, als
an Bemäntelung unserer kleinen gedemüthigten Eigenliebe.

Ich werde [wenn Sies nämlich genehmigen] in einem
Auszuge gewiß Ihre wichtigen Gründe nicht schwächen,
und nur diejenigen Ausdrücke weglassen, die zu schmeichel-
haft für mich sind und diesem Auszuge nur einen klei-
nen Prolog oder Epilog hinzu fügen, der ihm mit möglich-
ster Kürze, zur historischen Erläuterung diene. Sie wer-
den mir wohl zutrauen, daß ich dieß vorzüglich um unsrer
jüngern Brüder willen thun möchte, und daß ich mir nicht
schmeichle, die Aeltern zu einem Irrthum verleitet zu haben.

Indessen wird dieser Auszug zuverlässig allen sehr willkommen|<3>
seyn, und Mancher wird mit mir einen Faden neuer Gedanken
dadurch an die seinigen anzuknüpfen Gelegenheit bekommen.
Bey dieser Classificirung der Irrthümer fällt mir ein,
daß Voltaire [wenn ich nicht irre, im Artikel Imagination,
seiner Questions sur l’Encyclopédie] die Einbildung in eine
thätige und leidende eintheilt. Diese leztere wird, wenn
sie von aussen her berührt werden, die Quelle alles Aberglau-
bens, so wie jene die Muse der Dichtkunst, Mahlerey und Mus[ik,]
u.s.w. kurz, die eine nimmt alles Erfundene auf, die andere
erfindet selbst, mit dem Bewußtseyn, daß sie es freywillig
thut. So liegt wenigstens die Erinnerung dieser Voltärischen
Abhandlung noch in meiner Seele; denn ich habe sie in vielen
Jahren nicht wieder gelesen: Vielleicht schwebte mir etwas
dunkel davon vor, als ich das Unglück hatte die Feder zu
meinem Galimiathias anzusetzen, und, in diesem Falle, dürfte
ich wohl die Ochsen hinter den Pflug angespannt haben [wie
sich der Franzose ausdrückt]. Wenn ich, liebster Bruder, Ihre
gütige Einwilligung werde erhalten haben, so will ich mich
mit vieler Freude an den Auszug machen; in der festen
Ueberzeugung, sie allen meinen guten Brüdern mitzu-
theilen. Inzwischen habe ich die Ehre mich Ihnen, mit dem
dankvollsten Herzen zu empfehlen.//.


Syracus d. 19ten Bahman Walther Fürst
1154

Anmerkungen

  1. Eigentl. Galimathias, veraltet für verworrenes Gerede.