Q6724

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Meta Data

Item:Q6724

Transcript

Soll ich meinem Freunde absichtlich Äuserungen entlocken deren Bekanntwerdung er fürchten muß, um ihn dadurch zu Beförderung eines moralischen guten Endzweckes desto fester an mich zu ketten?

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beantwortet von Q. Cicero

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vorgelesen in der Min[erval] K[irche] am 28sten Ader. 1156|<2>


Ich legte in einer unserer vorigen Versammlungen ihnen M[eine] V[erehrten] Br[üder] eine Frage vor, deren Beantwortung mir, besonders für uns so viel Interesse zu haben schien, daß ich wünschte es möchten sie einige von Ihnen, zum Gegenstande Ihres Nachdenkens machen, und dann, mit mir zugleich, das Resultat ihrer Betrachtungen mittheilen. Die Frage so wie ich sie Ihnen vorlegte war folgende:

Soll ich meinem Freunde absichtlich Äuserungen entlocken, deren Bekanntwerdung er fürchten muß, um ihn dadurch zu Beförderung eines moralischen guten Endzweckes, desto fester an mich zu ketten?

Man fand diese Frage dunkel, und gewiß nicht mit Unrecht. Ich wollte sie so allgemein als möglich|<3> ausdrücken, um sie ohne alle Rücksicht auf besondere Verhältnisse, nach den allgemeinsten Grundsätzen beantworten zu können, und doch wollte ich auch so bestimmt als möglich fragen, um nicht misverstanden zu werden. Doch ist es mir geglückt den Hr. Diognet, der sich entschloß diese Frage mit mir zu beantworten, über den Sinn den sie nach meiner Meinung haben sollte, durch mündliche Unterredungen zu verständigen, und wir haben uns nun vereiniget, unsere Gedanken über diese Frage heute Ihrer Versammlung zur Beurtheilung vorzulegen, ohne sie vorher einander mitgetheilt zu haben. Ehe ich aber zu Beantwortung der Frage selbst kommen darf, muß ich unstreitig mich erst bemühen, auch Ihnen vollkommen deutlich zu machen, was ich eigentlich damit sagen wollte.|<4>

Wer kann es besser wissen als Sie M[eine] B[rüder], daß es moralisch gute Endzwecke giebt, deren Erreichung ohne feste Verbindung mehrerer Menschen, mehrerer Freunde unmöglich ist, und wer von Ihnen ist nicht überzeugt, daß vielleicht zu den besten Endzwecken eine solche Verbindung am nöthigsten ist. Aber was ist feste Verbindung von Menschen? Braucht man etwa ein großer Menschenkenner zu seyn, braucht man wohl die Geschichte des Menschengeschlechts zu fragen, um zu wissen, daß Verbindungen die für die Ewigkeit gestiftet zu seyn schienen, oft durch plötzliche Gährung, öfter durch allmählig langsame Auflösung sich trennten; daß selbst die heiligen Bande der nähesten Blutsverwandschaft, daß die festen Ketten der Sympathie, die mit den Menschen welche sie umschlossen zugleich erschaffen zu seyn schienen, daß selbst sie zerrissen|<5> wenn Eigennutz, Ehrgeitz und Neid sich zwischen sie drängten. Und wer darf sich einer so untrüglichen Menschenkenntniß schmeicheln, daß er sich in der Wahl seiner Freunde nie irrte, nie die wankelmüthige Schwäche verkannte, nie von der Schlauigkeit sich hintergehen ließ? Sollte es bey solchen Bemerkungen nicht verzeihlich seiny, wenn selbst der offenste Charakter sich dem Mistrauen überließe, und aus herzlicher Liebe für die guten Endzwecke, zu deren Erreichung er feste Verbindung mit andern Menschen für unumgänglich nöthig hält, ein Mittel zu kennen wünschte, die gänzliche Trennung solcher Verbindungen unmöglich, oder doch wenigstens dem guten Endzwecke unschädlich zu machen. Unnatürlich wäre es wohl nicht, wenn er in dieser Stimmung seiner Sache darauf verfiele, denen die mit ihm zu edeln Zwecken ver-|<6>bunden wären Äuserungen, Urtheile, Erzählungen zu entlocken, sie in Unternehmungen zu verwickeln die sie nicht gerne bekannt werden lassen wollten, vielleicht gar nicht bekannt werden lassen dürften, um sie, wenn etwa einmal die Bande der freundschaftlichen Vereinigung mit ihm schlaff werden sollten, wenigstens durch die Furcht, daß er von jenen Äuserungen zu ihrem Nachtheile Gebrauch machen möchte, von der Trennung von ihm, oder wenn diese unvermeidlich wäre, doch von Zerstörung seiner Plane zurückzuhalten. Soll er sich nun dieses Mittels wirklich bedienen? Soll er dem, den er für einen aufrichtigen, eifrigen Freund von sich und von der guten Sache hält, solche Äuserungen absichtlich entlocken, ihn absichtlich in solche Unternehmungen verwickeln, mit deren Bekannt-|<7>machung er drohen könnte, wenn jener ihn durch Verstellung hintergangen hätte, oder wenn sein Eifer erkaltete? Freylich ist es in der Natur jeder freundschaftlichen Verbindung, daß sie den Verbundenen den Mund zu vertraulichen Äuseungen öffnet, deren Bekanntwerdung vielleicht grosse Nachtheile für sie haben könnte; und freylich läßt es sich auch wohl noch begreifen, daß zu Erreichung des besten Zweckes, in manchen Verhältnissen Unternehmungen nöthig seyn können, die der Teilnehmende nach seiner besonderen Lage nicht bekannt werden lassen kann, ohne sich empfindlichen Schaden zuzuziehen; aber von solche freywilligen Äuserungen, von solchen Unternehmungen, die die Beförderung des gemeinschaftlichen Zweckes nöthig macht, kann hier eben deswegen gar nicht die Rede seyn, weil sie|<8> freywillig entstanden, oder die Natur des Zweckes sie nothwendig machte. Unstreitig dienen auch sie oft zu stärkerer Befestigung der Verbindung welche sie veranlassen; und gewiß dürfen ohne alles Bedenken die Mitverbundenen den wankelmüthigen Schwachen, den sie verkannt hatten, dem schlauen Betrüger der sich unter sie drängte es fühlen lassen, daß sie auch Mittel in Händen haben ihm zu schaden, wnen er sich unterfangen sollte etwas gegen den guten Zweck ihrer Verbindung zu unternehmen; allein in diesem falle bedienen sie sich nur der Vertheidigungsmittel die ihnen die Natur der Sache in die Hände giebt, aber sie veranstalten diese Mittel nicht absichtlich, und nur davon, ob sie dieses thun sollten redet meine Frage, die meinen Einsichten nach, nicht anders als mit Nein beantwortet werden darf kann. Ich kann nehmlich die|<9> Veranstaltung solcher Mittel zu Befestigung einer freundschaftlichen Verbindung, gerade dann am wenigsten für gut und klug halten, wenn dieselbe den besten moralischen Endzweck hat, denn es scheint mir daß diese Mittel nur wenig ausrichten können, und daß durch sie das Band der Vereinigung unvermeidlich erweitert wird, wodurch natürlicher Weise die Erreichung des Zwecks mehr verhindert als befördert werden muß – zwey Gründe die wohl mehr nur einer kurzen Erläuterung als eines weitläuftigen Beweises bedürfen. Wenn gute Menschen sich zu einem edeln Zwecke verbinden, so haben sie unter den Mitgliedern ihrer Verbindung nur zweyerley Feinde zu fürchten, die ihren Plan zerstören könten, den schlauen Bösewicht, der aus Nebenabsichten sich mit ihnen vereinigte, und den wankelmüthigen Schwachen, der zwar|<10> mit den besten Absichten zu ihnen kam, dessen Eifer aber bald erkaltete, weil er vielleicht mehr Vortheil für sich erwartet hatte als er fand, oder auch nur weil in seiner schwankenden Seele nichts fest und beständig bleiben kann. Gegen beyde Arten von Menschen hilft die Veranstaltung jener Mittel wenig oder nichts. Der Hinterlistige der unter jene edlern Menschen vielleicht gar mit dem Vorsatze trat, ihre guten Zwecke zu vereiteln, wird gewiß auch verschlagen genug seyn, nichts von sich hören zu lassen, nichts zu thun, mit dessen Bekanntmachung ihn seine Mitverbundenen, die er vom ersten Eintritt an als seine Gegner ansahe, dereinst drohen könnten; dem Schwachen hingegen, der aus Unbeständigkeit, und weil er sich in seinen überspannten Erwartungen betrogen sieht, der Verbindung die er mit redlichem Eifer suchte,|<11> abgeneigt werden, und aus Verdruß, oder auch nur aus Leichtsinn und Schwatzhaftigkeit ihren edeln Absichten in den Weg treten könnte, ihn würde zwar vielleicht die Furcht seine Äuserungen und Unternehmungen bekannt gemacht zu sehen, davon zurückhalten, sie würde ihn aber gewiß auch zur Verstellung und schlauen Behutsamkeit zu größerem Verdruß und zu stärkerer Abneigung gegen eine Verbindung reitzen, für die man ihn durch Nachsicht gütige Behandlung, und vernünftige Vorstellungen, wieder hätte gewinnen und brauchbar machen können. Doch wenn es auch vielleicht noch Fälle giebt, in welchen solche absichtlich veranstaltete Mittel von einigem Nutzen sind, wenn auch das Band der Vereinigung durch sie etwas dauerhafter gemacht wird, so erschlafft es dagegen gewiß auch durch das Mistrauen und die kalte Vorsichtigkeit, die solche Anstalten unter den Mitverbündeten veranlaßen müssen, und der geringe|<12> Nutzen für die Festigkeit der Verbindung, wird durch den unersetzlichen Schaden der Lauigkeit auch der redlichsten ihrer Mitglieder, und durch den gänzlichen Mangel alles Eifers für ihren Zweck, weit überwogen. Das Daseyn solcher Veranstaltungen kann dem Mitverbundenen, der auch nur einen geringen Grad von Aufmerksamkeit und Scharfsichtigkeit besitzt, nicht leicht und nicht lange verborgen bleiben; bey der geringsten Entdeckung aber, ja selbst nur bey einer entfernten Vermuthung davon, muß das Mistrauen in seine Redlichkeit, welches Veranstaltungen der Art auch gegen ihn zu verrathen scheinen, wechselseitig Argwohn gegen seine Mitverbundene in ihm erregen. Von ihm selbst durch Thatsachen, durch jene Veranstaltungen belehrt, daß man auf kein Versprechen, keine Proben von Wohlwollen, von Begierde mitzuwirken zu|<13> einem edeln Zwecke, sicher rechnen darf, wird er bey allem was er ihnen sagt, bey allem was er mit ihnen und für sie thut, mit ängstlicher Bedächtigkeit überlegen, ob er sich nicht vielleicht zu blos giebt, ob auch bey diesem Schritte den er zu thun hat, der Rückzug wenn er nöthig seyn sollte, gehörig gedeckt ist. Von dem Ziele der vereinigten Bestrebungen, nach welchen er Anfangs mit unverwandtem Auge hineilte, wendet er nun seinen Blick auf sich selbst, auf seine eigne Sicherheit, und was er auch ohne ihren Nachtheil thun zu können glaubt, dazu bringt er nicht die lebhafte Thätigkeit, durch die allein die Ausführung leicht gemacht, und das Ziel glücklich erreicht wird. Ein Glück wär es noch für die gute Sache der Verbindung, wenn dieses Mistrauen mit seinen üblen Folgen in jedem Mitgliede von neuem entstehen müste, sich nicht schnell|<14> von einem auf alle fortpflanzte; aber leider geschieht dieses gewiß allemal. Verbreiten auch nicht ausdrückliche Warnungen den Argwohn, so schleicht er sich doch unvermerkt aus einer Brust in die andre, erstickt die besten Vorsätze, und hemmt die edelsten Bestrebungen. Jeder der seinen Mitverbundenen die Hand mistrauisch zurückziehen sieht, und die spähende Behutsamkeit in seinen Blicken entdeckt, wird selbst aufmerksam und bald auch mistrauisch; sein Eifer sinkt mit seinem Muthe, und sein Geist der vorher vielleicht voll von hohen Erwartungen, von herzerhebenden Aussichten war, verliert sich nun in immer wieder kehrenden Überlegungen jedes geringfügigen Umstandes, von welchem nachtheiliger Gebrauch gemacht werden könnte. So erlischt in jedem der Verbundenen der letzte Funke von Thätigkeit für ihren gemeinschaft[ichen]|<15> Zweck, und so wird das Wesen der Verbindung [ver-]nichtet, wenn auch ihre äusere Form noch stehen bl[iebe.] Der Thor brüstet sich dann zwar noch mit ihrem Nahmen, aber der Weisere weint ihrem entflohe[nen] Geiste nach.