D-Q10257

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Commentary

Abgedruckt und kommentiert in Martin Mulsow, "Gottes Allgegenwart. Die Seele - eine unveröffentlichte Ode von Schack Hermann Ewald", in: Friedrich Vollhardt (ed.), Philosophie und Leben: Erkundungen mit Dieter Henrich. Festschrift für Dieter Henrich zum 90. Geburtstag (Göttingen: Wallstein, 2018), S. 201-215. Item:Q77332

Transcript

Die du ewig bist, ein Strahl der Gottheit,
Des unerschafnen Lichtes,
Singe von dir selbst
Unsterbliche Seele.

Also sprach ich zu ihr, die Flügel der Nacht
Umwehten mein Haupt,
Aber deiner war's Lufthall –
Und sie sang, was mein Mund nachlallt.

Göttlichen Stammes bin ich, so sang sie,
Zum göttlichen Urquell kehr ich zurück.
Durch alle Zeiten der Gedanken Gottes
Dehnt ich mich aus, haelt mich der irdische Leib nicht.

Fleisch und Gebein vermodern,
Ein kleiner Rest der Wunde-Grab bleibt übrig;
Der Geist verfliegt hin in des Aethers weiten Raum;
Ich nur allein bleibe was ich bin.

Fleisch und Gebein wachsen wie Graß,
Der Geist empfindet nur
Was innen oder außen das Organ berührt;
Ich nur bemerke es, ich nur denke.

Nicht denkt der Leib, nicht denkt der Geist, denn beyde
Sind irdischer Natur; ein Automat, –
Und wär‘s von menschlichen Gebein und Fleisch
Und Blut geformt, mit Geist durchströmt,
So künstlich als der Schöpfer selbst den Menschenleib
Gebildet hat, – wird nimmer denken.

Ein einfach Wesen bin ich, denn ich bin kein Leib,
Noch bin ich Geist; ich würde sonst,
In Theile modern, würde sonst
Gerüchen einer Rose gleich, verduften.

Ein einfach Wesen bin ich; es erschöpft
Im Denken sich mein gantzes Wesen.
Aber mit drey Kräften
Ist mein Wesen, dieses Denken, ausgerüstet.

Gedanken die ich einst gedacht,
Und die die Zeit vertilgt zu haben schien,
Zieh‘ aus dem Dunkel ich ans Tageslicht,
Sie treten neuerschaffen vor mir hin.

Ich kenne sie – kein Alter, keine Zeit,
Kein langes Aussenbleiben, hat
Die Züge des Gesichtes so verstellt,
Daß sie mir gantz unkenntlich wären!

Weg aus dem Haupte schwing‘ ich mich
Das Meer der Zeiten, wo die Wogen hinter mir
Sich in den Abgrund stürzen,
Hin in das Meer, das uferlos
Sich mir entgegen wältzt.

Mich feßelt keine Zeit, kein Ort! –
Kein himmelhoher Fels hemmt meinen Flug! –
Treibt mein Begehren mich in fremdes Land
Weit über Meer und Berge, – da bin ich!

Tief in den Ocean der Welten tauch ich mich;
Mein Blik erreicht die Urne,
Die den gestirnten Milchstrom – jeder Stern ein Tropfen [–]
Hin durch die Himmel gießt. –
So fährt ein Strahl aus Gottes Sonne,
Und rührt mein nachtumhülltes Aug.

Der Freuden göttlichste gewährt mir die Vernunft,
Die nimmer täuscht, wenn sie den Blik
In Freyheit heben darf und keine Feßeln kennt.
Das langverlohrene Kind des Himmels, Wahrheit,
Sucht sie mit heißen sehnlichen Verlangen.
So suchte Proserpina einst
Die geraubte Tochter; – auf der Fläche des Erdballs
Fand sie sie nicht; da stieg sie hinab in die Tiefen,
Und fand sie im Finstern umstrahlt
Mit Licht und strahlenreichen Diadem.

So die Vernunft – durch ekle Finsterniß,
Durch äußern Schein, der, einer Rinde gleich,
Der dinge wahres Wesen dekt,
Dringt in den innren Kern sie ein;
Und Licht strahlt ihr entgegen;

Und Licht umfließt mein gantzes Wesen,
Umfließt die gantze herrliche Natur.
Wie dann vor mir der Sterne glänzend Heer
Im regelvollen Zank sich durch einander schlingt,
Nach einem Takt, nach einer Harmonie.

Wie dann vor mir der Schooß der Erde
Offen steht, mir seine Schätze zeigt,
Und manchen Blik die bildende Natur
In ihre Werkstadt dringen läßt!

Wie dann vor mir in jedem Stein
In jedem Graß, in jedem Wurm,
Und – senkt mein Blik sich in mein Wesen selbst –
Auch da Gott selbst allgegenwärtig ist! –

Triumph! daß ich ihn denken darf
Den herrlichsten aller Gedanken,
Daß er allgegenwärtig ist,
Auch in mir selbst allgegenwärtig!

Triumpf! daß ich es bin,
In dem das Welterschaffens seyn sich offenbahrt,
Sich lauter offenbahrt,
Als im Gestern, im Stein, im Graß, im Wurm!

Triumpf! daß ich ihn denken darf
Den herrlichen Gedanken:
Der Mensch ist Bild, ein Bild von ihm
Dem Einzigen, Allgegenwärtigen.

Der Leib der mich umgibt, mit Blut und Geist durchströmt,
Gleicht er nicht dieser Körper–Welt?
Und ich, ich Seele, bin ich nicht,
Die diesen Leib, wie Gott die Welt, regiert!

Anbetungswürdiger, von allen Zungen Angebeteter!
Gleich Dir, auch diese kleine Welt, mich Menschen, zu regieren,
Zu mäßigen die wilde Leidenschaft,
Und jeden Trieb, und jede Neigung,
Die vom rechten Pfade des Lebens führt.
Will ich dich stets allgegenwärtig denken;
Dich in der Blume, dich im Bach, im Wurme dich,
Im Sommer dich, dich in mir selbst allgegenwärtig sehn;

Dich Einzigen, aus dem die gantze Welt
Mit allen ihren Reitzen floß.
Der Pyramide gleich, Osiris Bild
Die dreygestaltet einem Punkt entfließt. –

Will nach Erkenntniß streben, Wahrheit suchen
Im Buche der Natur, das offen vor mir liegt;
Bis finster nicht mehr finster ist vor mir.
Der Nacht geweyhten Vogel gleich, der mir in Nächten wacht
Und durch die Nächte schaut;
Bis meine Hülle bricht,
Und Wahrheit mir
Den vollsten Glanze strahlt.

Notes