D-Q4662

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Meta data Item:Q4662

Commentary

Wie aus dem Eingang ersichtlich handelt, es sich hier um ein Quibus Licet, das vermutlich nur deshalb nicht an Rudorff zurück respektive in die Sektion in den Akten aufbewahrter Quibus Licet ging, da hier Vorschläge zu neuen Mitgliedern gemacht wurden.

Die Vorschläge sind in mehrfacher Hinsicht interessant: sie strukturieren den Aufbau der Buttstädter Minervalkirche vor, zu dem es 1785 kommen wird. Sie lassen im selben Moment Rudorffs eigene Position gegenüber dem Orden durchscheinen, dessen Perspektive auf Menschen er antizipiert, während eigene Motive durchscheinen. Alle Vorschläge begleitet er mit einem Statement, das die berufliche Position der Vorgeschlagenen umreißt. Zu jedem skizziert er dabei eine, seiner Meinung nach passendere Position - wie im Blick auf einen Orden, der die Kräfte hätte, hier zu intervenierten. An einer Stelle trifft er dabei fast ins Schwarze. Goethe und Herder werden als Personen genannt, die die Weichen stellen könnten. Sie sind im selben Ordensmitglieder).

Interessant sind die ausleitenden Bemerkungen: Rudorff kommt auf eine Wunschthema zu sprechen, dem er sich gerne stellen würde: die Frage nach dem besten Alter für Minervale. Bei den eigenen Vorschlägen blieb er bei Kandidaten "im Mannesalter" und für Mitglieder, von denen, so seine Darlegung, Einfluss auf die Jugend ausgehen könnte. Im Postscriptum erwähnt er ein Thema, das ihm mit Datum vom 22. April am 13. Mai 1784 zuging. Das Thema "Was bedarf der gemeine Mann, außer dem Unterricht der Religion, noch vor Dinge zu wißen, um glücklich zu seyn, als es die Natur der Menschheit erlaubt, und welches sind die möglichen Mittel, ihm diese Kenntniß mitzutheilen?" weist zwar auf das Thema der langen Abhandlung voraus, das Rudorff am 24. August 1784 vorlegen sollte - im dortigen Fragment ist jedoch ein Teil des Wortlauts überliefert, der hiervon abweicht ("was müßte ein "Volks-Lehrer nicht erst selbst wißen? Ferner: das ist von solchen Leuten nicht zu erwarten").

--Olaf Simons (talk) 21:59, 2 February 2019 (CET)

Transcript

Nach einer am verwichenen 17dten Chardad noch den Erh. O. Obern[1]
geschehenen Proposition: daß die Brüder Illum. künftighin die
Charactere neuer, in Vorschlag zu bringender Mitglieder, in ihren
gewöhnlichen Q.L. anzuzeigen hätten, verfehle ich nicht beygehend
einige Subjecte nahmhaft zu machen.

No. I. Herr Johann Anton Wahl,[2]

dermahliger Diaconus zu Buttstädt, sieben biß acht und dreysig Jahre
alt aus Ilmenau gebürtig, ehedem Frühprediger daselbst, verbindet
mit der Würde seines Standes zugleich wahre Würde der Seele, die
er durch treue Gelehrsamkeit, Känntniß der Menschen und Welt,
zu einem vorzüglichen Grade erhöhet hat.

Wie dieses Mannes Begriffe überaus gereiniget sind, so sind
es auch seine Tugenden. Daher er Großmuth, Wohltäthigkeit, und
dergleiche edle Gesinnungen ausübt, ohne einen Danck dafür zu
erwarten, oder ein verdientes Lob anzunehmen.

Er ist fürs Herz geschaffen, ganz Freund der Menschen, und,
wenn es gemeiner oder besonderer Wohlfahrt gilt, empfindsam
und lebhaft biß zum Feurigen, welches er durch Klugheit zu|<2>
unterbrechen weiß. Kaum scheint eine kraftvolle Physiognomie
mehr zu halten, was sie verspricht, als die seinige.

In Rücksicht bürgerlicher Verhältniße, lebt er von seiner Besol-
dung, die sich um die 400. rthl. belaufen möchte, ist verheyratet, hat
zwey Kinder, und wegen seiner Verdienste wahrscheinlich die Aussicht
entstehenden Falls zum Superintendenten des Orts voziert zu werden.

Doch wo Göthe[3] wohlwill und Herder[4] schäzt, da ist für die
Güte eines Mannes alles gesagt, und kann ich eine so authorisirte
Wahrheit, höchstens um durch die aus nähren Umgang gesammlete
Fata, als durch entbehrliche Zeugniße bestätigen.

No. II. Herr Joh. Gottlob Samuel Schwabe,[5]

Redner der Schule zu Buttstädt, etliche dreyßig Jahre alt, nachheriger
Accessist bey der Herzoglichen Bibliothek in Weimar, hat die Humaniora
von ie her zu seinem Lieblings-Studio gewählt. Schon auf der
Universität übersetzte er einige Idyllen des Theocrits,[6] schrieb Monumenta
Saxenburgensia,[7] auch eine vaterländische Antiquität und verschiedene
Gedichte. Als Schullehrer hat er seine Verdienste um die Litteratur
durch gelehrte Anzeigen, Programmata, und durch eine Ausgabe
des Phaedrus[8] vergrößert, um die Aufnahme seiner schuler aber, die|<3>
keine öffentlichen Subsidia hat, sich rühmlichst verdient gemacht.

Sein Herz ist immer mit den Hauptideen angefüllt, ein Vater
seiner Untergebenen zu seyn und die von ihn auf Universitäten
gehenden Schüler, welche vorher von Consistorio examiniret werden,
beziehen solche mit Lobe und Beyfall.

Er ist uneigennützig und wohlthätig, arbeitet viel und mit Genau-
igkeit, ist vergnügt und unterhaltend auch in vermischter[?] Gesellschaft,
und inter bonos mit einiger Nonsalence [!] – durchdenckt Sachen im
Zusammenhange; hält auf Religion und gute Sitten; [***]
ohne daß es so scheint. Könnte ihm der Wunsch einer ansehnlichen
Stelle mit wenigeren Stunden und [***] ihm beßer vorgearbeitet
würde, gewähret werden, so würde er ohnstreitig für die gelehrte
Republick sowohl, als für andere gemeinnützige Entwürtfe, einen
Der besten Männer abgeben können.

Er lebt übrigens von seinem Gehalte, ist verheyratet mit einer
geb. Mitußn [?] aus Rastenberg, die einiges Vermögen besitzt, hat
drey Kinder, und eine zahlreiche Anverwandtschaft. Ein Bruder von
ihm ist Regierungs-Aßessor in Weimar.

Der Vorgeschlagene ist durch ein gnädigstes Rescript einer Versorgung
am Gymnasio versichert [?] worden.|<4>

No. III. Herr Joh. Carl Christian Lauhn,[9]

Zu Butstädt, des dasigen Stadtvoigs mittelster Sohn, Weimarischer
auch nunmehriger Churfürstl. Sächßis. Advocat, besitzt nebst solider
Rechtswissenschaft besonders auch historische und diplomatische Känntniße
Feine Belesenheit, Genie, und andere gute Eigenschafften. Da ihn eine
entdeckte Urkunde, die irgend zu einigem Aufschluße dient, entzücken
kann, so halte ich davor, daß er mehr durch das Werck der Nahrung
als das eigentliche Panchants,[10] Advocat sey, ob er es schon mit Beyfall
und glücklichem Erfolg ist. Einem Archivar würde er unverbeßerlich
vorstehen.

In seinem Charackter liegt eine Art von Verschloßenheit, kömmt man
ihm aber mit Offenheit entgegen, oder man trift auf einen moralischen
Gegenstand, dann hat man sich glücklich geirrt, und er ist der empfind-
same Mann, der Theil nimmt, Tugend und wahres Honneur mit
der That beweißt.

Die Vermögens-Umstände sind nicht sehr fundirt, doch ist die
Familie ausgebreitet, und zum Theil in Lagen, auch freundschaftlich genug,
einander zu unterstützen, wovon mir rühmliche Beyspiele bekannt sind.
Ob er indeßen Ausbreitung guter allgemeiner Sache (wie unsere
mehresten Zeitgenoßen, die sich immer enger in ihr eigenes Intereße
zurückziehen) nicht zu sehr für politische Unmöglichkeit halten dürfte,
davor will ich nicht einstehen.|<5>

No. IV. Herr Joh. Heinrich Christoph Kaempf,[11]

theologischer Candidat zu Buttstädt ohngefehr 28 Jahre alt, hält sich
bey seiner verwittweten Mutter auf, die einiges vermögen besitzt.
Nachdem er drey Jahre beym Kaufmann Meiners in Sch[***]beck in
Condition gestanden, und sich Aussicht zu einer Patronats-Versorgung
im Vaterlande zeigte, (die ihm iedoch hernach nicht zu Theil wurde)
kehrte er von dort dort zurück, in Begleitung eines seiner Untergebenen,
welchen er in Kost, Aufsicht, und Unterricht bey sich hat.

Ermeldter Herr Kämpf zeichnet sich vorzüglich als Redner aus,
wobey ihm gründliche und feine Gelehrsamkeit sowohl, als eine sehr
ansehnliche Leibeslänge, annehmliche Sprache, richtiger und schöner
Ausdruck, sehr zu statten kommen.

Mit diesen Vorzügen steht deßen moralischer Charackter in genauem
Verhältniß, und aus seinem Betragen leuchtet eibe beständige gewiße
Zarte Empfindlichkeit gegen Ansprüche der Vernunft und Sittlichkeit
Hervor.

Sein Consistorium ausgenommen, dürfte er weiter keine Patronen
Aufzuweisen haben, und sollte er nach dem gewöhnlichen Laufe der
Anciennetè, Versorgung erwarten müßen, so würde damit etwas
verlohren gehen, welches hervorgezogen, angestellt und benutzt zu
werden verdiente.

Indem ich diese Persohnen hier anführe, so fühle ich sehr wohl|<6>
die Wichtigkeit meines Unternehmens. Urthele über Charactere [sind]
Mehrentheils eben so verschieden, als verschieden die Charakter[istiken?]
selbst sind, die sie entwerfen, Die Verhältniße, die wir zu den P[ersohnen]
oder die die Persohnen auch zu uns haben, die mehrer oder minder
Billigkeit, mit der wir überhaupt das Gute in einem sehen, pp.
gewöhnlich bey unsern Urtheilen den Ton anzugeben. Daher [***]
laudatus ab his culpatur ab illis[12]. Ich bin gegenwärtig bey[***]
Der Wahrheit und der Nechtenliebe zugleich gefolgt, und wenn
Keine iungen Leute (ob ich schon auch deren viele gute mit G[***]
heit kenne) sondern Persohnen von männlichem Alter wählte,
habe ich, quod N. I. & II. hauptsächlich den Einfluß dieser
Männer auf iunge Leute beabsichtiget, und geglaubt, daß [sie]
in unangebauten Gegenden erst da seyn müßten, um sodann
durch sie die Herbeyführung der letztern bewürcken zu können.

Vielleicht daß es mir erlaubt seyn wird, künftig meinen Ge-
dancken über die eben so wichtige, als bißher noch nicht genugsam
entschiedene Frage: ob das iüngere oder männliche Alter, in
der Minerval-Claße, (als Pflanzschule betrachtet,) für den Orden
vortheilhafter sey, gehorsamst und ohnmaßgeblichst vorlegen
zu dürfen, als wovon die Gründe für und wieder, gleichsam
als zwischen Klippen bißher durchgegangen sind. Syracus|<7>
24sten Chardad 1154.[13]

Ali.


Von Ordenswegen d. d. Ionien den 33.sten Pharvardin[14] ist mir
vor der Hand, und zwar seit dem 13.den Adarpahascht[15] folgende
Frage zur Beantwortung aufgegeben worden: Was bedarf der
gemeine Mann, außer dem Unterricht der Religion, noch vor
Dinge zu wißen, um glücklich zu seyn, als es die Natur der
Menschheit erlaubt, und welches sind die möglichen Mittel, ihm
diese Kenntniß mitzutheilen?

Notes

  1. aufzulösen: den Erhabenen Ordens-Oberen.
  2. Anton Wahl Item:Q1283
  3. Johann Wohfgang von Goethe in seiner Regierungsfunktion in Weimar, nebenbei selbst Illuminat. Item:Q408
  4. Johann Gottfried Herder in seiner Funktion als Weimarer General Superintendent, nebenbei selbst Illuminat Item:Q481
  5. Johann Gottlob Samuel Schwabe Item:Q1091).
  6. Theokritos (deutsch Theokrit; um 270 v. Chr.), Hauptvertreter griechischer bukolischen Poesie.
  7. recherchieren
  8. Band 1: Phaedri, Augusti Liberti, Fabularum Aesopiarum libri V ex recensione Petri Burmanni, cum selectis variorum notis et suis observationibus edidit Jo. Gottl. Sam. Schwabe (Halae: Gebauer, 1779), PPN
  9. Johann Karl Christian Lauhn Item:Q649.
  10. recherchieren
  11. Johann Heinrich Christoph Kämpf Item:Q565.
  12. lat. „gelobt von diesen, beschuldigt von jenen“
  13. i.e. Gotha, den 24. Juni 1784
  14. i.e. Provinz Obersachsen, 22. April 1784
  15. i.e. der 13 Mai 1784