D-Q5057

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Commentary

Transcript

Göttingen den 1. Meh Dey 1157

Da mir im verflossenen monat eben nichts wichtiges vorgekommen ist,
was ich Ihnen, E.Ob., melden zu müssen glaubte, so erlauben Sie mir
nur eine frage aufzuwerfen, welche zur beförderung der sittlichkeit
unter hohen und niedren ständen verdiente erörtert zu werden:
wie ist dem unter allen ständen mehr oder weniger im Schwange gehen-
den hang zu wollüstigen, schlüpfrigen reden vorzubeugen und ab-
zuhelfen? Das dieser hang so sehr eingerissen ist, daß nicht leicht ein
sonst würdiger aufgeklärter mann wenigstens einigermaßen davon
angefleckt wäre, daß man schwerlich eine gesellschaft finden wird,
wo nicht anspielungen der art, witzelnde zweydeutigkeiten, selbst
von praktisch guten leuten vorgebracht werden, beweist wohl die
tägliche erfahrung. Man hat dabey so wenig delicatesse, nimmt so
wenig rücksicht auf die unschuld anwesender kinder, die ein är-
gerniß daran nehmen können, ist so zudringlich gegen diejeni-
gen, welche sich aller solchen scherze aus grundsätzen enthalten,
ist auf reisen und andrer orten gegen frauenzimmer, die aller augen-
blicke mißhandlungen ausgesetzt sind, so äußerst ungezogen, daß
diese durchaus herrschende mode aufs schärfste verdiente gerügt
und geahndet zu werden. In jeder moral für höhere und
niedere stände, in predigten und besonders in volksbüchern, die für
die niedrigsten classen bestimmt sind, sollte billig hierauf vor-
züglich rücksicht genommen, und allgemein das schändliche dieses
betragens ins hellste licht gesetzt werden. Andere gegenmittel
kenne ich nicht. Aber vielleicht kennen auch Sie noch heils[a-]
mere gegengifte wider dieses gift unsrer ungesitteten m[en]
schengesellschaft, um Sie von einer so allgemein verbreiteten
und ansteckenden krankheit heilen zu können.
Mit der größten ehrfurcht verharre ich, E. Ob.,
Ihr gehorsamer
Justus Lipsius

Anmerkungen