D-Q6603

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Commentary

Das Aufsatzthema wurde (eine rare Situation gegenüber den sonst von oben kommenden Themen) von Johann Georg Geißler am 15. August 1786 in der Sitzung der Gothaer Minervalkirche gestellt. Geissler trug den Aufsatz, den er selbst zu seinem Thema verfasste, am 28. Dezember 1786 in der Minervalkirche vor. Hoppenstedt war da der einzige, der sich auf dieses Thema einließ, erntete aber mit seinem Aufsatz in der Dezembersitzung erhebliche Kritik, wie aus dem eigenen (nur noch im Extrakt Helmolts überlieferten) Quibus Licet und aus einem Brief Helmolts and Bode von 14. Januar 1687 hervorgeht. Ein erneuter Anlauf seiner Arbeit wurde vertagt auf die nächste Sitzung, kam - in der vorliegenden Textfassung ist das resümiert - erst in der Sitzung vom 21. März 1787 zum Vortrag.

Das Thema ist von Geissler mit Hintersinn gestellt und von ihm angedacht, um die Möglichkeit durchzuspielen, ein Freundesbund könne Mitglieder zu Äußerungen bewegen, die diese im Verlauf erpressbar machten, um sie so gefügig zu halten und an den Bund zu ketten.

Geissler legte sein Thema auf eine individuelle Freundschaft hin formuliert der Gruppe vor – und hatte eine geschickte Klausel eingefügt: Hier handelt der Freund, der dem Freund Geheimnisse entlockt intransparent und moralisch verwerflich, doch könnte er das gerade tun, um das Bündnis zu guten moralischen Zwecken derart mit Erpressungsmöglichkeiten zu fixieren.

Hoppenstedt musste in Gesprächen hinter den Kulissen dazu bewegt werden, den Aufsatz zu verfassen (so Geißler in Einleitung seines Aufsatzes).

Die Vorgeschichte klingt hier an. Tatsächlich merkt man seinem Aufsatz an, dass der Themensteller dem Verfasser die Brisanz der Frage erklären musste und dass er dabei nicht bis an die brisanteste Stelle ging – diese entfaltet Geissler im eigenen Aufsatz, indem er von der allgemeinen Fragestellung abkommt und relativ nah die Frage an einen größeren Freundesbund (wie den der Illuminaten) koppelt.

Hoppenstedt arbeitet sich an Eröffnungen der Problemlage im Blick auf den Einzelfall ab, ohne sehr weit zu kommen, und bekennt einleitend, dass ihm unwohl bei dem Thema war und ist. Die gewählte Beantwortung stößt nicht zu größeren Bündnissen vor, die ihre Mitglieder erpressbar machen. Sie bleibt bei der Freundschaft und bei einer engen Beantwortung: Handele „ich“ klug, wenn ich versuche, meinen Freund in eine Lage zu bringen, in der er sich von mir erpressbar sieht? Nein, denn ich ernte sein Misstrauen. Allein die Fixierung auf den Sprecher als möglichen Täter schließt die Organisation als Täter gegenüber dem Sprecher wirksam aus.

Der Aufsatz wird lang durch die Kunst des Vor- und Rück-Erwägens und die Ausgestaltung der psychologischen Motivlage des von mir bedrängten und bedrückten Freundes.

Unklar, ob Hoppenstedt hier dem brisanten Thema ausweicht, oder ob er auf der Fährte bleibt, die der Themengeber vorsichtig setzte, um den Freund selbst nicht in eine missliche Lage zu bringen.

(Olaf Simons (talk))

Transcript

Versuch einiger Gedanken zur Beantwortung der vom Br[uder] Q. Cicero
aufgeworfnen Frage, „Soll ich meinem Freunde absichtlich Aeus-
serungen entlocken, deren Bekanntwerdung er fürchten muß,
um ihn dadurch zur Beförderung eines moralischen Endzwecks
desto fester an mich zu ketten?“


Schon in einer unsrer vorigen Versammlungen[1] legte ich meinen
Brüdern den Anfang dieses Versuchs vor, den ich, verhindert durch
mein paedagogisches Verhältnis, durch manche andre dringende Ge-
schäfte, und – warum soll ich’s Ihnen nicht gestehen? – durch ein
gewisses Vorurtheil gegen den Gegenstand \und die Möglichkeit einer genaueren Beantwortung/[2] in den dieser Frage selbst, –
erst jetzt zu Ende zu sezzen im Stande war \zu vollenden/ und durch ein Gefühl der
Bänglichkeit, das noch in mir ist, erst jetzt zu vollenden im
Stande war. Und um dieses lezztern Geständnisses willen
werden Sie nachsichtig sein, meine Brüder; denn wiederum fand
ich bei dieser Arbeit, wie schwer es mir fast in gleichem Ver-
hältnisse wird, eine ältere Arbeit bei einer neuen Prüfung
zu billigen, und mit Freude und Anstrengung zu
verbeßern.

Für den frohern Genuß unsres Lebens, wie für unsre nüzzlichere
und ausgebreitetere Wirksamkeit ist kein Verhältnis mehr ge-
schaffen, als das Verhältnis der Freundschaft. Keiner kann dem
Menschen das sein, und das alles ersezzen, was ein Freund ihm
sein und ersezzen kann, und keiner kann so einstimmig und
gemeinschaftlich mit ihm für einen Zweck wirken, als ein Freund.
Aber dieses gute und glückliche Verhältnis entkam dem
Loose der Unbeständigkeit nicht, das ein feindseliger Geist des
Menschengeschlechts über daßelbe einst warf. Auch im Arm
der Freundschaft bleibt der Mensch immer das schwachherzige Ge-
schöpf, das er überall ist, auch da allen Stürmen von innen
und außen her ausgesetzt, denen er überall ausgesetzt ist.
Und ist’s nun nicht natürlich, daß der Seltnere, der festen
Sinn zur Ausdaurung im freunschaft[lichen] Umgange mit irgend
einem andern, der ihm zum Gutes thun die Hand reichen|<2>
kann, und Kraft dazu in sich weiß, – daß er auf Mittel sinnt,
seinen leichtsinnigern Freund sich zu erhalten? – und ist er
nicht zu entschuldigen, wenn sein Umhergreifen nach Mitteln
zur Befriedigung seines Wunsches bei dem stehen bleibt, das
ihm das sicherste zu sein scheint, wenn es gleich an und für
sich nicht das beste ist? – ist er zu entschuldigen, wenn er
sogar das Zutrauen seines Freundes zu ihm dazu gebraucht,
wenn er ihm Geheimniße entlockt, die sein Freund ohne eine
solche Veranlaßung der ganzen Welt verschwiegen haben würde,
weil er ihre Bekanntwerdung fürchtet? Handelt er aber auch vor-
sichtig und klug? – Dies ist, habe ich sie recht verstanden, der
Sinn der vorgelegten Frage. Ihre Beantwortung fällt zerfällt
sehr natürlich in 2 Theile.

1. In die Untersuchung des Rechts oder Unrechts eines solchen
     Betragens, – ob es erlaubt sei, oder nicht.
2. In die Prüfung der Klugheit deßelben, ob es dem Zwecke
     angemeßen sei, der dadurch erreicht werden solle, oder nicht.

Zwischen Wahrheiten ist jeder Wiederspruch undenkbar, desgl[eichen]
auch zwischen moral[ischen] Wahrheiten, zwischen wirklichen NaturGes[ezzen.]
Wozu denn aber nun bei dieser Frage eine Untersuchung über
Recht und Unrecht? – wozu die Bedenklichkeit, die Sorge, daß wir
dabei irren mögten? – Sie hat guten Grund: die Wahrheiten
selbst sind zwar allerdings unter sich ohne allen Wieder-
spruch, allein unsere subjective Erkenntnis erreicht sie
nicht immer, übersieht und unterscheidet nicht immer
oft so unbestimmten Vorschriften zu den Pflichten! Wir
treffen nur zu oft auf Stellen, wo keine Thuen[?][3] weiter-
hilft, und unsrer Willkühr allein die Wahl überlaßen ist,
und das ist ein ängstlicher Zustand für den Gewißenhaften.
Thue das, was ohne den grösten Nachtheil geschehen, unterlasse
hingegen das, was ohne den grösten Nachtheil unterbleiben
kann – nie aber suche durch unerlaubte Mittel einen guten
Zweck zu befördern: – dies sind zwar Regeln, die uns in
vielen Fällen sehr gut leiten können, – aber für den gegen-|<3>
wärtigen reichen sie nicht aus: – die Gründe und Folgen
der hier miteinander streitenden Pflichten, der nüzzlichen
Wirksamkeit überhaupt, und der Redlichkeit und Aufrichtig-
keit in freundschaftlich[en] Verhältnißen sind zu verwickelt und unge-
wis, und die Natur der erstern zu wenig bestimmt, als daß sie
in der Anwendung überall aushelfen könnten. Ich füge daher zur
vollkommenen Entscheidung über das Recht oder Unrecht dieses
zweifelhaft scheinenden Falls noch folgende Bemerkungen hinzu.


    1.
    Jeder freundschaftl[iche] Bund ist; unter mehrern Stüzzen, die ihn
    erhalten, auch auf den stillschweigenden so sehr natürlichen
    Vertrag gegenseitiger Redlichkeit, Aufrichtigkeit und Treue
    gegründet: und jeder Freund glaubt sich, in dem Bewust-
    sein dieser Verpflichtung so sicher. Kein Eid und keine feier-
    liche Versicherung darf dieses Gelübde weiter versiegeln, es
    ist durch ein Naturgesezz heilig gemacht. – Wozu nun aber
    dieser Vertrag, wenn es doch Fälle geben soll, wo ein Freund
    dem andern eine Schlinge zu legen berechtigt ist, wenn er
    nicht jedem gefährlichen Schritt vorbeugen soll, den einer gegen
    den andern durch sein ihr eigenes Verhältnis um so leichter
    unternehmen kann. Und wo ist denn die Grenze, die die
    unveregliche Erfüllung der Treue hier von der NichtErfüllung
    scheidet und wo der Mensch, der diese Grenze überall richtig
    zu unterscheiden weiß? – die Frage erklärt sich zwar nicht über
    den allgemeinen Ausdruck „Freund“: indes steht dies Wort
    hier gewis in seiner ächten, unentweihten Bedeutung; und
    so läßt sich, bei der Gewalt, die der wahre Freund über das
    Herz seines Geliebten, und über seinen Sinn für das Gute
    haben muß, noch weniger eine Entschuldigung für einen
    solchen, alle Aufrichtigkeit beleidigenden Schritt denken? – Nein,
    ich mag den Freund nicht, der so leichtsinnig mit der Tugend
    spielt, die der Grundpfeiler aller menschlichen Einigkeit ist, und
    der so leichtsinnig sein Gutes auf Kosten einer so liebens-
    würdigen Pflicht errichten kann.|<4>


Aber wenn nun mein Freund durch seine Zurückhaltung zu einem
solchen Mittel mich zwänge, wenn ich ihn vielleicht gar in
irgend einer Gefahr vermuthe, die er mir verschweigt,
weil er sie selbst nicht kennt, wenn er also selbst gleichsam
den ersten Schritt zur Verlezzung unserer Freundschaft that,
bin ich da nicht berechtigt, um meiner guten Absicht willen, den
zweiten zu thun? – die folgende zweite Bemerkung mag
darüber entscheiden.


    2
    Kein freundschaftliches Verhältnis ist so eng, und kann und
    muß es nicht sein, daß nicht immer ein Freund vor dem
    andern seine besondren Geheimniße haben könne.
    Der verkennt[?] den Zweck freundschaftlicher Verbindungen
    ganz, der darüber unwillig werden kann. An dem Mann,
    in dem ich den Freund umarme, was schließet mich an ihn,
    als gewiße Harmonien, die ich in seiner Empfindung, und
    in seiner Denk- und Handlungsart mit der meinigen
    finde: – vielleicht finde ich nur einen, vielleicht bin ich der Glück-
    liche seltne, der sich mehrerer freuen kan. Und diesem
    oder diesen mehren sollte ich nun die Geschichte meiner ganzen
    Existenz entwickeln, alles enthüllen müßen, was mir über-
    haupt, oder was mir gerade diesem Menschen zu enthüllen,
    schwer werden kann \was so ganz außer dem Kreise unserer gegenseitigen Forderungen liegt./ Nein, es giebt gewisse Eigenheiten in
    dem Leben und in den Schicksalen eines jeden Menschen,
    über die es besser ist, zu schweigen; sie können mich und den
    Mann, den ich mich, und meine individuelle Lage, und meine
    Empfindungen nie vollkommen kennen lehren kann, zu leicht
    über mich irren machen. Hier kann es keine Verpflichtung geben
    – Wo der Freund reden, wo er sich öffnen muß, wo er Drang
    dazu in sich fühlt, das allein kann ihn bestimmen. – Mag er
    nicht billig gegen uns handeln, mag er uns kränken, wenn er so ge-
    heimnisvoll ist, - der Leser wird es wenigsten nicht zu sein stimmen
    eigenmächtig müßen wir sein Herz nicht öffnen; - eigenmächtig
    seine Freiheit nicht einschränken, und nach unsrer Willkühr
    [***] auf einr solche Art für die Erreichung unsrer Absichten
    ihn gebrauchen.|<5>

    3.
    Der Ausdruck moralisch gute Endzwecke ist unbe-
    stimmt und allgemein, und jede synthetische Pflicht muß in der Ausübung
    der vollkommenen nachstehn. -
     
    Wie ist es nun möglich, zu der Aufopferung einer solchen
    Pflicht, wie die der Treue gegen den Freund, auf immer
    einzuwilligen? – Moralisch gute Endzwecke! – Wo ist der
    Mensch, der sie nicht zu haben glaubt, aber wo ist auch der,
    der sie wirklich hat, – der sie durchaus rein von allen
    menschlichen, eigennüzzigen und leidenschaftlichen Absichten
    weiß, und sich nicht, mitnahm und einiges Bewustsein
    hintergeht? Mein Mistrauen gegen einen solchen
    Zweck wird aber zunehmen, wenn der Mann, der ihn zu
    erreichen sucht, ein Mittel, wie dieses ist, sich erlaubt.
    Man schließt so gern, und so nahe von dem Mittel auf den
    Zweck. Ich weiß zwar, ich soll hier nur einen wirklich
    moralisch guten Endzweck vorsehen, und ich versteh ihn auch: - Aber
    soll ich darum die Gefahr verschweigen, der dabei vielleicht
    jeder Mensch ausgesezzt ist? – Aber nein, der Erfolg dieser
    menschlichen Absichten [?] - - ! meine Brüder, er allein muß
    uns in der Wahl unsrer Mittel dabei behutsam machen; -
    daß wir nicht verschwenden, theuer einkaufen, was wir
    haben, wegwerfen, um vielleicht nichts zu gewinnen.
    Wie klar und vollkommen ist die Pflicht dar Treue, der
    Wahrheit im freundschaftl[ichen] Umgange, und wie unsicher,
    wie hypothetisch die andre, die Erreichung eines moralisch
    guten Endzweckes? – Strebe unermüdet fort, dein ganzes
    Leben und allen deine Kräfte für diesen lezztern zu verwenden; werde nicht un-
    willig, wenn du tausendmal gestört, tausendmal getäuscht
    wirst, - ein einziger glücklicher Erfolg sei der Ersatz
    für zehn[?] tausend unglücklichen, und gebe dir \erhalte/[4] deinen
    Muth; - aber hüte dich, darüber zu verlieren, was du
    schon hast: - wenn du mit allem verschwenderisch bist,
    so sei es mit deiner Tugend nicht: - erbeuthe dir auch nicht eine,
    auch nicht die theuerste Unredlichkeit, wo du sie dir|<6>
    noch nie erkauftest: -- und wo doch, spricht Dich auch alles frei, doch dein eignes
    Herz nicht frei sprechen kann. Erreicht Es ist ein großer
    Trost bei der einer misglückten Unternehmung, - den geraden
    Weg gegangen zu sein.

    Es ist freilich ein ängstlicher Zustand für den Guten, gerne
    großen Nuzzen stiftenden Menschen, wenn er auf dem
    Wege, der ihn ein geprüft guter und nüzzlicher Weg zu
    sein scheint, durch so ein Hindernis aufgehalten wird; – aber
    bei dieser Vereinigung und Mischung menschlicher Wirksamkeit
    kann es nicht anders sein.

    4.
    Nicht allemal bestimmt der gröste Nuzzen einer Pflicht
    die Unterlaßung einer anderen. Es kann vielleicht sein,
    (was erst noch untersucht werden wird) daß ich durch die
    Entdeckung eines Geheimnisses meinen Freund fester an
    mich zu fesseln, und dadurch einen wirklich guten Endzweck
    vollkommen zu erreichen weiß: das Gute das ich hier
    stifte, mag also das Gute, das ich dort unterlaße, weit
    überwiegen: recht handle ich darum nicht. – Recht that
    ich nicht, daß ich die Pflicht, zu deren strengen Erfüllung
    ich einmal mein ganzes Verhältnis auffoderte, mit einer
    andern vertauschte, zu der mich entweder noch gar keine
    Verpflichtung, oder doch keine solche Verpflichtung auf Kosten
    einer andern, für sie zu fordern, aufforderte: - recht that ich
    nicht, daß ich auf den Umfang eines fernen Guten so viel
    und auf den Werth des Gegenwärtigen so wenig Rücksicht
    nahm. [***] [***] Alles Vertrauen auf Menschen, alle Hoff-
    nung auf ihr Wort würde sich verlieren, wenn diese Hand-
    lungsart ohne Ausnahme jeden guten Zweck dem
    beßern aufzuopfern, allgemein werden sollte.


Allein dieser Gegenstand bedarf wirklich der strengern moralischen
Behandlung nicht: - die Gestalt, in der er blos von d[er] politischen
Seite erscheint[?], ist für den Zweifler enscheidend genug.|<7>

2 Fragen sind es, die ich in dieser Rücksicht noch mit einigen
Worten beantworten will muß.

1. Werde ich meinen Freund durch eine solche heimliche Entlockung
    seiner Geheimnisse wirklich fester an mich ketten?
2. Würde ich wenn ich es auch gewißermaßen kann, meinen
    abgezielte Zweck durch ihn erreichen?

Ich habe mich bißher immer im offnen Felde der Betach-
tung erhalten, auf keine spezielle freundschaftl[liche] Verbindung,
und auf nichts von allem dem hingedeutet, worauf ich viel-
leicht, ohne mich zu irren, hätte hindeuten können; die
Frage, so wie sie hier ist, gab mir dazu kein Recht: - und
darum fahre ich auch jezt, so sehr ich nur dadurch die
Untersuchung erschwere, im Allgemeinen fort.

Dem Freunde ein Geheimnis entlocken: - wir wißen es nun
schon, wie unangenehm der Ton dem Ohre des gewissenhafteren
Menschen klingt, und welchem Verdacht sich der aussezzt, der
es kann: aber hier bekommt das Wort noch eine weitere
Anwendung. – Welche eine Untersuchung magt[5] der, der sich dazu
entschließt? – welch einen zweideutigem Erfolge sezzt er sich aus?
- nichts kann ihn hier vor dem Verlust seines Freundes, und
mit ihm, der Achtung desselben für seine ganze Rechtschaf-
fenheit sichern? – Für den liebenden Freund ein großer Verlust.
Wie leicht kann der andre mich ertappen, und ein Glück, wenn
es noch früh genug geschieht, ehe er sich schon verrathen hat: dann
wird er vielleicht noch eine Entschuldigung gelten laßen, und
vergeßen können. Aber, wenn er sich schon in Fesseln sieht,
und in den Fesseln des Menschen, von dem er sie am wenigsten
fürchtete, und nun die ganze Last der beleidigten Freund-
schaft auf die des entrißnen Geheimnisses sich häuft: -
er mögte der schwächste Mensch sein, wenn die Last ihn
nicht drücken sollte: - und nach einem Schwachen wird man ja
nicht zur Beförderung eines guten und großen Endzwecks ringen.|<8>
Sei es nun aber auch, daß der Freund seinen Freund glück-
lich überlistet, daß der arme Getäuschte die wahre Spur
nicht entdeckt, und vielleicht sich selbst, und seinen eigne
Unvorsichtigkeit allein anklagt: - sei es auch, daß er nun
jetzt an seinen Freund, weil er sein Geheimnis weiß,
fester und inniger sich anschließt, und daß dieses An-
schließen an ihn ganz wahr, durch das Gefühl der Theil-
nehmung an an seinem Geheimnis entstanden ist: - sei das
alles jetzt, - wird er auch immer so bleiben? Bürgt[?] dieses
Gefühl der ersten Stunden für eine lange Dauer?
Nein, die Gründe aenderten sich nicht, die ihn bisher zur
Verschweigung seines Geheimnisses bewogen, und darum
wird er bald diese Verwandlung wahrnehmen, und das Drücken-
de dieser Abhängigkeit von seinem Freunde fühlen. Seine Un-
wille fürt ihn zum Argwohn, und wie leicht findet er
jetzt die Spur, die er vorhin nicht wahrnahm, wie leicht
entdeckt er jezt die ganze Machinerie seines Freundes.
Entdeckt er sie aber auch nicht, er wir dennoch nur mit
Mühe in der vorigen Stimmung sich erhalten können:
Der Gedanke an den \gewis/ erregten Unwillen seines Freundes über seine
karge Offenherzigkeit, sowie an das künftige Mistrauen desselben gegen
ihn, sowie und die dadurch veranlaßte Aufmerksamkeit auf alle
seine Schritte, \auf der einen, und auf der andern Seite die fortgesezte unangenehme Erfahrung der seiner Gefühlen so großen Zudringlichkeit seines Freundes/, alles dies wird ein Gefühl der Abhän-
gigkeit, der Einschränkung in ihm hervorbringen, das den
Himmel der Freundschaft so oft zu trüben pflegt. Wir hängen
in allen unsern Handlungen nur zu sehr von dunkel Gefühlen[?]
und Antrieben an. Ohne, daß wir es oft wollen, schliest sich
eine Abneigung gegen irgend Gegenstand unsrer Seele
ein, die kein neuer Eindruck leicht, dann aber ab we-
nigsten vertilgen kann, wenn eine unangenehme Erin-
nerung ihr zur Seite steht.

Und dieser Mensch soll mich nun zu Beförderung einer
guten Sache unterstüzzen? Dieser Mensch, der mich im|<9>
Grunde fürchtet, so sehr er auch jetzt vielleicht noch, er liebe
mich, glauben mag, und der mich gewis immer mehr
und mehr mit Bewustsein fürchten wird? Das Vorurtheil,
das er gegen mich hat, wird alles das mit treffen, was
mit mir in einiger Verbindung steht, vor allen
Dingen aber das, wozu ich seine Wirksamkeit besonders auffordern
werde: - sein Unwille wird zunehmen, und mit desto
schnelleren Schritten, je länger das Gefühl meiner Theil-
nehmung an seinem Geheimnis ihn drückt. – Aber dann
nur, wenn sein Verhältnis sich ändere und dies sein verändertes Ver-
hältnis auf einmal von seiner Liebe[?] ihn befreite, wird
das, was bisher Geheimnis war, es nun ferner zu sein aufhörte sollte,
oder die lange Gewohnheit selbst ihn gleichgültiger dagegen
machen sollte, - wie bald wird da sein
erzwungne[?] Wirksamkeit aufhören, und er sich zeigen, wie
er wirklich ist.

Dieses ganze Bild eines durch ein eintlocktes geheimnis an uns
gefesselten Menschen, - mag es in der Wirklichkeit nicht
immer zutreffen, mag es in einzelnen Fällen sogar ganz
frei von diesen hier gewesenen [hingeworfnen?] Flecken sein: wahr bleibt
es darum doch, denn es ist die Züge deßelben sind liegen
in der allgemeinen menschlichen Natur. Handelt der Mensch
auch nicht so im einzelnen Falle, - im Ganzen wird er
gewis so handeln: denn er ist für Freiheit gebohren,
und jeder Zwang, und jeder Druck kann ihn zum Gehorsam,
aber nicht zum guten Willen bewegen bringen. Dieses
ganze Bild muß daher für den


Dies meine Brüder, sind die Gesichtspunkte, aus welchen ich
diesen Gegenstand ansah'. Ich weiß, ich hätte noch mehrere
[***] entdecken, ich hätte auch meine Ansicht an denen,
[***] die ich entdeckte, erweitern, kräftigen und mehr ver-
einzeln können, - ich weiß und fühle das alles sehr,|<10>
aber und manche Bilder davon hängen in meiner See[le]
- aber Sie hörten ja mein Geständnis, und ver-
ziehen mir schon zum voraus.

Diognet

Notes

  1. Sitzung der Minervalkirche Gotha, 1787-03-21 Item:Q1788.
  2. In Schrägstrichen späterer Einschub
  3. Vielleicht Norm?
  4. In Schrägstrichen Einfügung
  5. Gemeint ist vermutlich "macht".