D-Q6608

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  • Metadata: Item:Q6608
  • Dokument Leithandschrift: Schwedenkiste Band 13, Dokument SK13-039
  • Standort: GStA PK, Freimaurer, 5.2. G 39 JL. Ernst zum Kompaß, Gotha, Nr. 111. Schwedenkiste. Abhandlungen und Geschichte, v.a. Illuminatenorden, 1757-1784
  • Titel: "Einige Bemerkungen über die frühzeitige Kultur der Griechen"
  • Autor: Hans Ulrich von Gadow (St. Evremont)
  • Datierung: Mordad also August, indes keine Jahresangabe. Müsste mit Quibus Licet und Reprochen abgeglichen werden.
  • Bearbeiter: Olaf Simons / Markus Meumann
  • JPG: SK13 (265-272)

Commentary

Das spannende an diesem Aufsatz ist eine unreine Thesenbildung und die mangelnde Bereitschaft, die kursierenden Thesen kritisch mit den Fakten in einen Abgleich zu bringen

Gadow beginnt mit einer Emphase: die frühe griechische Kultur beeindruckt. Unmittelbar gegeben erscheint der Grund, warum Griechenland früher als andere zur Kultur, und das heißt im Kern: zur Aufklärung fand. Freiheit erlaubte es den Bürgern, sie zu entfalten.

Wessen Freiheit das ist – ob die des Bürgers oder eine der Staaten, die Regierungsformen wählen, bleibt unklar, denn Sparta und Athen können hier gleichberechtigt nebeneinanderstehen.

Die Freiheit selbst wird klimatheoretisch begründet. Asien und Nordeuropa bieten die Gegenpole. Asiens Wärme macht die Menschen träge und lässt sie Despoten wählen, die ihnen versprechen, für sie zu handeln. Im Norden können freie Staaten nicht leicht entstehen – warum, das bleibt letztlich offen.

Die Klimatheorie wird mit aktueller Medizin in Verbindung gebracht, wobei Paradigmen ineinanderfließen. Säfte-Theorie und neuer Theorie der Nerven, die Spannkraft benötigen. Im Norden droht Erstarrung der Säfte, im Süden dagegen Austrocknung.

Auf der letzten Seite kippt das Argument: Handel sei noch wichtig. Handel treibende Nationen kommen mit anderen Völkern zusammen und werden dabei bereichert.

Brüche in den Theoremen bleiben Unvermerkt. Rom taucht auf als Vergleichspunkt – klimatheoretisch will das passen, beide Nationen kamen zur republikanischen Freiheit, dann aber bleibt offen, warum die Römer ihr politisches System änderten.

Bei den Griechen gibt es das nämliche unterschwellige Problem: Sie sind den verweichlichten Persern überlegen, dann jedoch werden da verschiedene Phasen des Griechentums miteinander vermischt und unklar bleibt, wie Alexanders Regierung sich mit der Freiheit versteht.

Unterschwellig zudem ein Demokratisches Moment: Klimatische Bedingungen erzeugen nicht einheitlich unter vom Klima geprägte Gesellschaften, sondern heterogene. Es gibt die Masse, die dem Klima anders ausgesetzt ist, mehr tun muss, um den Körper zu schützen, als die Regenten.

Ganz am Ende kippt der Aufsatz ins Allegorische: Griechenland stieg auf weil die Grazien und Musen es zum Wohnsitz wählten, bevor die Barbarei sie vertrieb.

Ein guter Querschnitt durch laufende Debatten, die unter der Aufklärungsdachdebatte zusammenkommen.


Transcript


Einige Bemerkungen
über die
frühzeitige Kultur der Griechen


Unter allen Ländern und Nationen des
Alterthums, soviel ihrer die Geschichte der
Vorwelt gleichsam in einer Zauberlaterne
vor unsern Augen vorüber führt, hef-
tet kein Gegenstand unsere Aufmerk-
samkeit schneller und mächtiger, als die
griechischen Freystaaten. Ueberaus
merkwürdig werden sie uns in jeder
Rücksicht, am allermeisten aber in Ansehung
der Aufklärung, die wir bey ihnen zu ei-
Grad gebracht sehen, der mit Recht
unsere Aufmerksamkeit und unsere Verwun-
derung rege macht, und zwar um so mehr, je
größer der Kontrast ist, den Griechenland hie-
rin mit seinen Zeitgenossen macht, in-
dem der Schimmer eines Lichts heller und merkbarer
wird, je düster die Finsterniß ist die es um-
giebt. Welches Land konnte so viele vor-
treffliche Feldherrn, Staatsmänner und Welt-
weisen aufzeigen, wo würden feine Sitten,
wo mehr ächt patriotischer Geist und wahre
Seelengröße angetroffen, als hier?|<2>
Athen war der Tempel der Wissenschaften
und Künste, der Sitz der feinsten Kultur,
das wahre Paris unserer Tage; Sparta war
die Schule der Mäßigkeit und kriegerischer
Tugenden, kurz Griechenland der Sammel-
platz alles Schönen, Edlen und Großen.
Dieses außerordentliche Hervorstechen Grie-
chenlands vor den übrigen Staaten dieses
Zeitalters muß nothwendig die Aufmerksam-
keit jedes nicht ganz gleichgültigen Beobach-
ters erregen, und ihn antreiben, nach
den Ursachen zu forschen, welche dieses Phä-
nomen in die Reihe der Dinge verflechten
konnten, und hierüber erlauben Sie mir
m[eine] B[rüder] Ihnen jetzt einige Untersuchungen
vorzulegen.

Die hauptsächlichsten Gründe der frühzeitigen
Kultur der Griechen sind wohl nirgends
anders als [in] den natürlichen und politischen
Verhältnissen desselben und ihres Landes zu
suchen, und der erste und vorzüglichste liegt
gewis in ihrer Freiheit; in dem Antheil
den jeder Bürger an den öffentlichen Angele-
genheiten und an der Verwaltung seines
Staates nehmen konnte und muste.|<3>

Freyheit ist das Element des Menschen, nur
sie kann seiner Seele und seinem Körper
die Energie und den Schwung geben, den
sie bedürfen, nun große, gemeinnützige
Produkte hervorzubringen; nur sie belebt
den freyen Bürger mit jenen edlen
großen Gefühlen, die der Sklave eines
Despoten nicht kennt; nur sie ist die Mut-
ter des Patriotismus, jener Tugend
wovon uns die Geschichte Griechenlands
und Roms so viele herrliche Beyspiele
liefert; nur sie endlich ist fähig den Fort-
schritten der Kultur einen ungehinderten
Weg zu bahnen, und sie mehr als alles
andere zu befördern. Seufzt der Mensch
unter dem Joch der Sklaverey, so wird ihm Lust
und Fähigkeit benommen, seine Kräfte
gehörig zu entwickeln, und die Hinderniße
die sich ihm entgegenstellen, zu entfernen.
Hängt sein Wille an den Launen eines
vielleicht bösen und grausamen Despoten,
so kann sein Verstand nicht frey würken.
Ist er aber frey, erkennt er keinen anderen
Zweck, und keinen Richter seiner Handlungen
als den Körper selbst dessen Glied er ist|<4>
so wird er jene desto leichter erfüllen, und
diese jenem allgemeinen Zweck gemäs
einrichten. Der Antheil den er an
der Regierenden Macht hat, wird ihn auf-
muntern, alles zu thun um seinem Staat
zu helfen, und ins besondere um seiner
Stimme Gewicht zugeben; er wird ein
Staatsmann werden, mehr oder weniger
nach Masgabe seiner Kräfte, und der
Zeit die ihn die Sorge für seine Privat-
Angelegenheiten dazu übrig läßt. Daher
wird er auf allerhand Mittel sinnen, unter
seinen Mitbürgern berühmt und geachtet
zu werden; und so kann es nicht fehlen
daß unter solchen Umständen der Funcke
der Aufklärung in eine weitleuchtenden
Flamme ausbreche. Auch lehrt uns die
Geschichte jener Zeiten, daß despotisch be-
herrschte Staaten es nie so weit in
Wissenschaften und Künsten, und in jeder
menschlichen Kenntniß gebracht haben, als
Republiken, und daß der Zeitpunct, wo
in den griechischen Staaten die Regierung
aus einer monarchischen in die republi-
canische umgeformt wurde, der Anfang|<5>
zu der Aufklärung ist, die wir in der
Folge unter ihnen wahrnehmen.

Man mögte hier die Frage aufwerfen,
woher es dann gekommen sey, daß
es gerade in Griechenland so viele
Freystaaten gab, die ein Mittel zur
Beförderung der Kultur des Landes
wurdem, und daß man in andern Ge-
genden nicht auch auf dieses Mittel
verfiel? Ich bin geneigt bey Beant-
wortung dieser Frage, den Hauptgrund
dieses ausschliessenden Vorzugs der Grie-
chen in dem Klima ihres Landes zu suchen.
In dem heissen Asien finden wir nicht
als Despotien; dem weichlichen schlaffen
Menschen ist es zu beschwerlich für sich
selbst zu handeln, und er unterwirft
sich daher gern den Befehlen eine jeden
der für ihn zu handeln verspricht, und gehorcht
ihnen sclavisch; eben so wird man in dem
kalten Norden nicht leicht einen wohlein-
gerichteten Freystaat antreffen.

Fast allein unter gemäßigten Himmelsstrichen
wie der griechische war, findet man den
allgemeinen Geist von Thätigkeit unter
den Nationen, welchen eine republi-
kanische Verfassung voraus sezt. Das
in dem warmen Clima Itaiens gelegenen|<6>
Rom, kann dünkt mich hier keine Instanz [?]
abgeben, denn theils war doch seinen
Klima kein Extrem der Hitze zuzuschreiben
theils that auch Rom den Schritt zur re-
publikanischen Verfassung weit später als
er in Griechenland geschehen war.

Dieß war ein mittelbarer Nutzen des
gemäßigten Himmelsstrichs, dessen Griechen-
land genos für die Kultur des Landes, und
di Aufklärung der Nation. Aber auch
unmittelbar konnte dieses Clima nicht an
ders als vortheilhaft für die Kultur würken.
Alle Extreme sind zu allen Zeiten als nach
theilig verworfen, und die güldene
Mittelstraße schon in der Wege des Mensch-
lichen Denkens allgemein angepriesen
worden, und daß dieß nicht mit Unrecht
geschehen sey, ist durch die bewährteste
Erfahrung bewiesen. Die Extreme in
der Wärme und Kälte eines Klimas machen
hievon gewis keine Ausname. Allzu-
große Hitze macht die Nerven schlaff, und trocknet
die Säfte aus, allzugroße Kälte im Gegentheil
überspannt die erstern und macht die letztern
starren; beyde also sind für Körper und
Geist gleich nachtheilig. Jene war der haupt-
sächliche Grund warum die Bewohner des
südlichen Asiens nie den Grad der Kultur|<7>
erreichten, auf dem sich die Griechen be-
fanden, und warum es diesen so leicht
wurde, die weichlichen Perser nicht nur
von den Grenzen Griechenlands zu-
rückzutreiben, sondern sich selbst in
ihr Land einzudringen, und sich am
Ende gar desselben zu bemeistern;
diese ist die Ursache daß die Lappländer
und Esqimeaux,[1] die jene nördlichen
Himmelsstriche bewohnen, dumm,
und zu anhaltenden Arbeiten sowohl als
zu tiefen Meditationen unfähig sind.

Die Vortheile beyder Extreme vereinigt
ein gemäßigtes Klima ohne ihren nach-
theiligen Einflüssen unterworfen
zu seyn. Die Hitze ist hinlänglich um dem
Körper seine natürliche Wärme und den
Säften ihren Kreislauf zu erhalten; die
Kälte ist stark genug um den Nerven
die gehörige Spannung zu geben, und
die flüssigen Theile vor der Austrocknung
zu bewahren; aber beyde sind zu gering
um den Nachtheil zu bewürken, den
das Uebermaas hervorbringen müste.
Eben diese Beschaffenheit hat es, dünkt mich,
mit der Fruchtbarkeit des griechischen Bodens,
die auch weder so groß war, daß sie ohne
Mühe alle Bedürfnisse der Landesbewohner|<8>
befriedigt, und ihrer anderweitigen Industrie
allen Spielraum entzogen hätte, noch [so]
gering, daß sie auch bey allen ange[wandten ]
Fleis zu Befriedigung ihrer Bedürf-
nisse nicht hingereicht und die Zeit die sie an
die Bildung des Geists hätten wenden kön[nen]
zur Sorge für den Körper gefodert hätte[n],
sondern durch einen glüklichen Mittelweg
einen Theil der Nation ganz beschäftigte
und einen andern nicht minder zahlreich[en]
es möglich und leicht machte, sich der
Sorge für den Staat, den Wissenschaften,
den freyen Künsten oder dem Handel zu
widmen, oder sonst auf einer andre Art
zur Beförderung der Kultur des Volks be[y]-
zutragen. Besonders ist, glaube ich der
Handel für ein großes Beförderungsmittel der Kultur in
einem Lande zu halten. Eine Nation die
handelt, kann nicht lange in eine unaufgekl[ärten]
Zustand bleiben; sie kömmt mit so vielen andern [Völkern]
in Verbindung, lernt von allen etwas eigenes und
besonderes, und macht sich die Kultur eines je[den]
zu eigen. Ausserdem giebt der Handel nicht nur [zu]
immer neuen Erfindungen und Spekulationen An[laß]
sondern macht sie sogar nothwendig; welches [nicht]
dem Geist der Nation einen hohen Grad von Thätigk[eit]
geben und die Kenntnisse jedes Einzelnen ungem[ein]
erhöhen und erweitern muß.

Diese und andere Umstände sind es, deren glükliches
Zusammentreffen die schnellen Fortschritte der
Kultur Griechenlands, und den hohen Grad den sie so
früh erreichte erklärbar machen, und nur einsehen
lassen kann, warum die Grazien und Musen grade d[ieß]
Land zu ihrem unveränderten Wohnsize wählten, bis sie
endlich durch die Uebermacht der Barbarey mit ihren
ganzen Gefolge daraus vertrieben wurden.

Notes

  1. Eskimos.