D-Q6652

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  • Metadata: Item:Q6652
  • Dokument Leithandschrift: Schwedenkiste Band 13, Dokument SK13-081
  • Standort: GStA PK, Freimaurer, 5.2. G 39 JL. Ernst zum Kompaß, Gotha, Nr. 111. Schwedenkiste. Abhandlungen und Geschichte, v.a. Illuminatenorden, 1757-1784
  • Titel: "Recension über eine Tillotsonische Abhandlung", der Bezug gilt "D. John Tillotsons, weil. Ertzbischoon Canterbury, Betrachtung über die gerechte Forderung Jesu: Gott mehr zu fürchten, als die Menschen; aus dem Englischen übersetzet", in Samlung auserlesener Abhandlungen ausländischer Gottesgelehrten: Zur Unterweisung des Verstandes und Besserung des Hertzens. Zusammen getragen von Friedrich Eberhard Rambach (Leipzig/ Greiphswalde: Weitbrecht, 1750), S. 193-254.
  • Autor: Gottlob Konrad Meyer (Tillotson)
  • Datierung: auf der ersten Seite 10 Tir 1157, also 10. Juli 1787
  • Erschließung: Olaf Simons / Markus Meumann
  • JPG: 4071-4076

Commentary

Interessant in zweifacher Hinsicht. Meyer bespricht hier zum einen eine Arbeit seines Namenspatrons. Die Frage ist hier: wie weit ist er verpflichtet, sich mit diesem zu identifizieren – die Antwort vorweg: er tut dies nur begrenzt. Zum anderen wird hier ein theologisch intrikates Thema behandelt, das Kompromissformeln parat hält.

Ist Gott mehr als der Mensch zu fürchten? Als das mächtigste Wesen sollte er auch zu maximaler Furcht Anlass geben. Er ist andererseits als Gott der Liebe und der Vergebung zu verteidigen. Hier gilt es Positionen des Gottesbildes gegeneinander zu verteidigen, mehr noch: sie intern aufzulösen, um Gott nicht als widersprüchliches Wesen zu produzieren.

Die Thesen Tillotsons zum Menschen als Anlass der Furcht überbietet Meyer: Der Mensch kann uns Furch einjagen – bei der Furcht besteht kein objektives Kriterium, allenfalls bei der vom Menschen ausgehenden Gefahr. Hier wiederum liegt die elegante Kompromissoption: Alle Gefahr, die vom Menschen ausgeht, kann nur durch Gott von ihm ausgehen. Hier liegt nicht minder die zentrale Klippe: Theoretisch dürfte Gott schwerlich dem Menschen erlauben, Furcht zu verbreiten, die nicht von Gott selbst komme. Klar zum Austrag gebracht werden die theologischen Implikationen nicht. Die Rezension bleibt eine Zusammenfassung des Buches, sie lobt den Autor und geißelt in einem eher seltsam dürftigen Akt Verbalisierungen als nicht so gelungen. (Das erinnert an die Rezensionen von Aufsätzen innerhalb des Ordens).

Eine Stelle weist aus dem einfachen theologischen Zusammenhang – indes bereits bei Tillotson: jene in der Sokrates den Tod vor den Richtern auf sich zieht, da er letztlich Gott mehr fürchtet als das weltliche Urteil. Ein Berufsverbot schließt Sokrates aus, da ihm dies zu ganz anderer Furcht Anlass böte.

Transcript


Recension
über
eine Tillotsonische[1] Abhandlung

den 10. Tir. 1157[2]

[Doppellinie]



In der Rambachischen Samlung auserlesener Ab-
handlungen ausländischer Gottesgelehrten,[3] die mir letzthin
ein guter Freund mittheilete, fand ich eine Tillotsonische Ab-
handlung über die Forderung Jesu: Gott mehr zu fürchten als
die Menschen, welche über Luc[as] 12, 4.5.[4] verglichen mit Matth[äus] 10,28.[5]
von ihm angestellet worden ist. Die Forderung ist diese:
"Ich sage euch: fürchtet euch nicht für denen, die den Leib tödten,
und darnach nichts mehr thun können. Fürchtet euch vor
iedem, der Leib und Sel verderben kann in die Hölle"
Erst macht der Verfasser eine kurze Einleitung, wo er zeigt,
daß in den Worten Jesu ein doppelter Beweis, so wohl von der Un-
sterblichkeit der Sele, als auch von der Auferstehung des Leibes enthalten|<2>
wäre. Hier behauptet er ganz richtig, daß jene aus der Vernunft ge-
wiß und deutlich erkannt werde. Wenn er aber hinzusetzt, daß sie da~
gen die Heil[ige] Schrift nie ausdrücklich vortrage, sondern als eine der Ver-
nunft bekannten und ausgemachten Grundsatz vorausseze, ferner
daß kein Text in der Schrift sey, woraus die Unsterblichkeit der Sele un-
mittelbarer hergeleitet werden könne, als aus dem, den er erklären
will, so scheint er mir zu viel zu behaupten. Die Stellen Pred[iger] Sal[omo] 12,~[6]
das Gleichnis Jesu Luc[as] 16,22,[7] Phil[ipper] 1,23[8] und noch andere lehren
Unsterblichkeit der Sele theils ausdrücklich, theils kann man sie aus den-
selben ebenso unmittelbar herleiten, als aus der vom Tillotson
angeführten. Die Auferstehung des Leibes sieht er eben so richtig
als eine Lehre an, wovon die Vernunft gar nichts weiß, die also ~
aus der göttlichen Offenbarung erlernt werden müsse.

Nach dieser Einleitung kommt er zu der in den Worten Jesu liegenden
Hauptwahrheit, daß man nehmlich Gott unendlich mehr fürchten muß
als die Menschen, wobey er gleich erinnert, daß diese Worte nach
einer den Hebräern besonders eigenen Art zu reden vergleichender
weise zu verstehen wäre und so viel heissen: fürchtet euch nicht so
sehr für Menschen, als für Gott. Richtig. Um diese Wahrheit,
spricht er, zu erkennen, müsse man die beyden Gegenstände der
Furcht, Gott und Menschen, und ihre beyderseitige Macht mit einan-
der vergleichen, da werde sichs alsdenn bald finden, daß zwischen
dieser zwiefachen Macht ein unendlich großer Unterschied sey,
und da werde sodann auch der Schluß daraus folgen, daß
Gott unendlich mehr als die Menschen gefürchtet werden müsse.
Hierauf zeigt er die engen Grenzen der menschlichen Macht und dies
mit zweien Gründen a) weil sie nichts ohne göttliche Zulassung zu
thun vermöge b) weil sie sich nur über den Leib des Menschen,|<3>
nicht aber über seine Seele erstrecke. Dieses lezte führt er in sieben Punk-
ten aus, und zeigt in denselben die große Einschränkung des menschlichen
Vermögens, nehmlich also: 1) die menschliche Gewalt kann nur den ge-
ringsten Theil unserer Natur beleidigen, 2) sie thut dadurch aber wei-
ter nichts, als daß sie der Natur ein wenig zuvorkommt, die ohnedem
ihren Leib endlich zerstöret, 3) was sie thut, vermag auch die arm-
seligste Creatur, welche eine Ursache unseres Todes werden kann, 4) sie
fügt uns dadurch kein sonderliches Unglück zu, wenn sie unsern Leib
tödtet und zerstöret, vielmehr macht sie sich um denselben gewisser-
maasen verdient, denn sie befreyet ihn von vielen noch zu erdultenden
Beschwerden, und die Sele sezt sie desto eher in die glücklichste Frey-
heit, 5) sie kann zwar den Leib mishandeln und tödten, allein nicht
vernichten, und aus der Reihe der wirklichen Dinge herausreissen, er
bleibt doch in dem großen Hause Gottes übrig, 6) sie kann dem Geiste
des Menschen keine Quaal zufügen, noch denselben seines Wesens berau-
ben (das erste sollte deutlicher bestimmt werden, da menschliche Gewalt al-
lerdings in stande ist, die Sele theils durch Vorstellungen, theils durch den
Cörper zu beunruhigen und zu quälen) 7.) sie reicht nur bis an das
Grab, oder bis zur Trennung der Sele vom Leibe, alsdenn muß sie von
dem Menschen ablaßen. Hier ist alles gesagt, was darzu dienen kann,
die menschliche Gewalt niederzudrucken, und dieselbe in ihrer Blöße
und grösten Schwäche darzustellen. Man sieht freilich auch der Abhand-
lung die Mühe an, die sich der Verfasser gegeben hat, die Sache recht
einleuchtend zu machen.

~ lehrt er, wie weit die Macht Gottes sich erstrecke, nehmlich 1)
sie sey uneingeschränkt und unabhängig, 2) sie erstrecke sich eben
so wohl über die Sele, als über den Leib, er kann beide mit allerhand
~ belegen, auch, wenn er wolte, beyde vernichten, 3) sie beweise|<4>
sich auch noch dem Tode des Menschen, und daure ewig und
unauflöslich.

Nachdem er also das menschliche Ubergewicht der göttlichen Macht über
die menschliche gezeigt, und gelehrt, welches eigentlich der Hauptgegen-
stand unserer Furcht seyn müsse, so wendet er seinen Vortrag an
und ziehet daraus folgende Schlüße:

1) die christliche Religion hat nicht den Zweck unsre Leidenschaften aus-
zurotten, sondern nur dieselben in Ordnung zu bringen, und zu re-
gieren. Scheint hier eine zu allgemeine Schlusfolge zu seyn, und zu
weit hergeholt, so schön und richtig sie übrigens ist.

2) es ist der Natur der waren Religion nicht zuwieder, die Menschen
durch Gründe, die von der Furcht hergenommen sind, zur Aenderungg
und Beßerung des Sinnes und Lebens zu bringen. Hier sagt er
eben so viel wahres als gutes und nüzliches; doch scheint er mir der
Furcht zu viel Kraft zu diesem Geschäfte zuzuschreiben, wenn er [gar?]
behauptet "sie sey diejenige Leidenschaft, die der Religion vor allem an-
dern Vortheile bringen, und durch welche am allerleichtesten etwas
ausgerichtet werden könne, und weiter hinn spricht er: andre
von unsern Leidenschaften wären flüchtig und unbeständig, die Furcht
aber könnten wir nicht abschütteln, und uns davon befreyen. Was
will der Verfasser dieses beweisen? Eben so bedenklich ist der von ihm
behauptete Saz: die Furcht ist das allererste, so wir von der Vor-
stellung einer Gottheit bey uns wahrnehmen. Dieses sollte aber
nicht seyn, da der Herr Jesus und seine Apostel uns Gott als einen
guten Vater vorstellen. Bey dieser Vorstellung ist Furcht gewiß
nicht das allererste, sondern wohl eher Liebe und Vertrauen, 3)
die Furcht Gottes ist das beste Verwahrungsmittel gegen die Furcht|<5>
für Menschen.

4) ist Gott unendlich mehr zu fürchten, als die Menschen so muß man
ihm auch mehr gehorchen, als den Menschen. Hier führt der Verfaßer eine
herrliche Erklärung des weisen Socrates über diesen Punkt an, welcher
unter andern also zu seinen Richtern redet:

"ich fürchte mich nicht zu sterben; allein dafür fürchte ich mich, den
Posten zu verlaßen, darauf mich Gott gestellet, und das Ge-
schäfte aufzugeben, darzu er mich bestimmt hat. Wenn ihr also
unter der Bedingung mich los laßen wollet, daß ich künftig
das Volk nicht unterweisen, sondern, wenn ich mich bey die-
sem Geschäfte betreffen ließe, am Leben gestraft werden
soll, so begehre ich unter solchen Bedingungen die angebotene
Freyheit nicht; ich danke euch für euren guten Willen, und sage
euch ganz getrost, daß ich Gott mehr zu gehorchen verpflichtet
bin als euch, und so lange ein Oden in mir ist, werde ich nicht
unterlaßen, das Volk zu lehren und zu ermahnen, und ei-
nen jeglichen die Grundsäze der Weisheit beyzubringen, der
zu mir kommt"[9] die Stelle war es wohl werth, daß ich dieselbe
herschreibe.

5) Die Furcht für Menschen wird am Tage des Gerichts keine hin-
längliche Entschuldigung seyn.

6) Nichts ist schrecklicher, als in die Hände Gottes zu fallen. Also
muß man Gott mehr fürchten als die Menschen.

Die ganze Abhandlung ist übrigens sehr herrlich gerathen.
Auch scheinen einige Ausdrücke für unsere Ohren etwas hart und an-
stößig zu seyn. z[um] B[eyspiel], wenn er den Leib mit einem Käfig, und die|<6>
Sele mit den darinn befindlichen Vogel vergleicht.[10] Ferner, wenn er
die Allgemeinheit der höllischen Marter daraus beweißt, weil es hei
se: sie sollten in den Pfuhl hinein<u/> geworfen werden.[11] Ferner, wenn
Gott der fürchterlichste Feind genennet wird, der sich durch die ent_
setzlichsten Strafen an uns rächen kann. Ferner der Ausdruck
der gehäufte Schaz der göttlichen Rache,[12] da man bey dem Wort
Schaz etwas gutes zu denken gewohnt ist.

Notes

  1. John Tillotson geb. Oktober 1630, gest. 22 November 1694, von 1691 bis 1694 Erzbischof von Canterbury.
  2. 10. Juli 1787.
  3. "D. John Tillotsons, weil. Ertzbischoon Canterbury, Betrachtung über die gerechte Forderung Jesu: Gott mehr zu fürchten, als die Menschen; aus dem Englischen übersetzet", in Samlung auserlesener Abhandlungen ausländischer Gottesgelehrten: Zur Unterweisung des Verstandes und Besserung des Hertzens. Zusammen getragen von Friedrich Eberhard Rambach (Leipzig/ Greiphswalde: Weitbrecht, 1750), S. 193-254.
  4. Luthers Übersetzung von 1545: <su>4</sup> Ich sage euch aber, meinen Freunden: Fürchtet euch nicht vor denen die den Leib töten, und darnach nichts mehr tun können. 5 Ich will euch aber zeigen, vor welchem ihr euch fürchten sollt: Fürchtet euch vor dem, der, nachdem er getötet hat, auch Macht hat, zu werfen in die Hölle. Ja, ich sage euch, vor dem fürchtet euch.
  5. Luthers Übersetzung von 1545: 28 Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, und die Seele nicht können töten; fürchtet euch aber vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.
  6. Luthers Übersetzung von 1545: 13 Laßt uns die Hauptsumme alle Lehre hören: Fürchte Gott und halte seine Gebote; denn das gehört allen Menschen zu. 14 Denn Gott wird alle Werke vor Gericht bringen, alles, was verborgen ist, es sei gut oder böse.
  7. Gemeint ist das Gleichnis des Lazarus, der als Armer in das Paradies kommt, während ihm gegenüber ein Reicher, der die Qual auf Erden verschuldet, in die Hölle geht. Der Reiche bittet, da er in der Hölle sein Unrecht erkennt, es möge der Herr doch seine Brüder mahnen, die Bitte wird jedoch abgeschlagen, da ihnen bereits die Mahnungen der Bibel zukamen.
  8. Zur Frage, ob es nicht besser wäre rasch zu sterben, um schnell bei Jesus zu sein: Luthers Übersetzung von 1545: 21 Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn. 22 Sintemal aber im Fleisch leben dient, mehr Frucht zu schaffen, so weiß ich nicht, welches ich erwählen soll. 23 Denn es liegt mir beides hart an: ich habe Lust, abzuscheiden und bei Christo zu sein, was auch viel besser wäre; 24 aber es ist nötiger, im Fleisch bleiben um euretwillen.
  9. "D. John Tillotsons, weil. Ertzbischoon Canterbury, Betrachtung über die gerechte Forderung Jesu: Gott mehr zu fürchten, als die Menschen; aus dem Englischen übersetzet", in Samlung auserlesener Abhandlungen ausländischer Gottesgelehrten: Zur Unterweisung des Verstandes und Besserung des Hertzens. Zusammen getragen von Friedrich Eberhard Rambach (Leipzig/ Greiphswalde: Weitbrecht, 1750), S. 230-231.
  10. Ebd. S 205-206.
  11. Ebd. S. 216.
  12. Ebd. S. 234.