Gothas medizinische Versorgung

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Collegium Medicum

Friedrich Albert Klebe, Gotha und die umliegende Gegend (Gotha: Carl Wilhelm Ettinger, 1796):

"Das Collegium Medicum besteht aus drey herzoglichen Leibärzten Es sorgt für den öffentlichen Gesundheitszustand führt die Aufsicht über alle Aerzte im Herzogthum prüft junge Aerzte wacht über die Apotheken usw und stattet darüber Bericht an die herzogliche Regierung ab." A. Klebe (1796)

August Beck, Geschichte der Stadt Gotha (Gotha: Thienemann, 1870), S.49.

Die Gründung des Collegium Medicum geht auf eine Anordnung Friedrichs II. aus dem Jahre 1727 zurück.

Im Staatsarchiv gibt es einen Karton mit ca. 100 Akten aus der Zeit ab 1621 zu allen Besetzungen von Stellen im Herzogtum. Der reguläre Verlauf ist, dass der Antrag wohl vom Collegium Medicum begutachtet wird, von der "Regierung" dann dem Fürsten zur Vorlage gebracht wird, der in der Regel ohne weitere Einwände die ihm zugesandte Vorlage der Antwort übernimmt und die Anweisung erteilt, diese auszustellen.

Die überwiegende Zahl der Eingaben betrifft die "Physicate" auf dem Land, sprich die Stellen der zuständigen Landärzte. Deren Bezirke werden in den 1770er Jahren auf die Amtsbezirke angepasst. Es gibt daneben Stadt-Pysicate und Chirurgate, die mit Wundärzten besetzt werden. Aus der Mitte der 1730er Jahre zudem eine Bitte von Gothas Zahnarzt, man möge ihm ein Privileg erteilen - er selbst werden dem Hof kostenlos zur Verfügung stehen. (Das scheint nicht bewilligt worden zu sein).

Vermutlich kann man mit den Akten eine Genealogie der Physicate und Chirurgate herstellen. Bei der groben Durchsicht entdeckte ich nichts Inhaltliches.

Das Collegium Medicum scheint Bewerbern eine Testfrage zur Ausarbeitung gestellt zu haben. In den 1790ern kommt das Einreichen der Dissertation als Standard auf.

Anatomicum

Friedrich Albert Klebe, Gotha und die umliegende Gegend (Gotha: Carl Wilhelm Ettinger, 1796):

"Zum Unterricht angehender Wundärzte in anatomischen und andern ihnen nothwendigen Kenntnissen tragen die Vorlesungen des Herrn Hofraths Grimm und des Herrn D Dorl sehr viel bei. Die anatomischen Vorlesungen des Hrn Hofrat Grimm werden in einem eigends dazu eingerichteten Hause gehalten. Es ist auf Kosten des Herzogs erbauet und dabei die Verordnung gegeben, daß Erhenkte, Ertrunkene und arme Personen, die die Kosten des Begräbnisses nicht hinterlassen, dahin abgeliefert werden sollen, um sie bei dem anatomischen Unterricht zu gebrauchen. Auch besitzt diese Anstalt eine Sammlung anatomischer Präparate."[1]

August Beck, Geschichte der Stadt Gotha (Gotha: Thienemann, 1870), S.59 f.

Unter den nützlichen Einrichtungen, welche Herzog Ernst II. in Gotha schuf, ist zuerst zu nennen die „Anatomische Anstalt“ (theatrum anatomicum), welche den Wundärzten des Landes, die auswärtige höhere chirurgische Anstalten zu besuchen unver-|<60>mögend sind, Gelegenheit bietet, die nothwendigen anatomischen und chirurgischen Kenntnisse sich zu erwerben. Es war zwar schon im Jahre 1754 ein solches theatrum anatomicum angelegt worden, es ging aber vor dem Ausbruche des siebenjährigen Krieges wieder ein, und erst im Januar 1773 begann der anatomische Unterricht unter der Leitung des Hofraths Dr. Grimm im sogenannten Pestilenz- und Armenhause vor dem Brühlthore. Wenige Jahre darauf wurde die Anstalt in das Spritzenhaus in der Fritzelsgasse verlegt. Herzog Ernst II. gab die Mittel zur Einrichtung und zur Besoldung der Lehrer her.[2] Jetzt [1869] befindet sich das Institut neben der Irrenanstalt.
Die Einrichtung einer Veterinärschule kam am 13. November 1775 zu Stande; den Unterricht daran ertheilt Dr. Fr. Gabr. Sulzer unentgeltlich.

Hierzu gibt es eine eigene Akte im Staatsarchiv.

Anstalten für Kranke und Sieche

Während Friedrich Albert Klebe (1796) effektiv fünf Einrichtungen der stationären medizinischen Versorgung ausmacht - das Maria Magdalena Hospital (Brühl Nr. 4), den Siechhof (auch Hospital Leprosorum), vor dem Siebeleberthore (Erfurter Landstraße Nr. 7-9), das Hospital für arme Reisende (Hospital Peregrinorum) am Brühlthor sowie ein Garnisons-Krankenhaus auf dem Walle über dem Brühlthor und ein Krankenhaus für Hofbediente in Schlossnachbarschaft - reduzieren August Becks (1870) und Eleonore Berfeldes (1967) diese Zahl auf drei Häuser - bei ihnen ist keine Rede von einem Garnisons-Krankenhaus und einem weiteren Krankenhaus für Hofbediente.

Der Status dieser Einrichtungen ist jedoch ohnehin vor dem mittleren 19. Jahrhundert kaum mit dem moderner Krankenhäuser zu vergleichen. Das Maria Magdalena Hospital und der Siechhof vor dem Siebeleberthore gehen auf mittelalterliche Gründungen zurück. Mit der Reformation werden sie städtische Einrichtungen. Die Bezieher sind primär Alte ohne weitere familiäre Pflege, die sich über eine Pfründe in die Einrichtung einkaufen. Die städtische Finanzierung geschieht nicht aus einer modernen Sozialkasse, sondern aus einzelne Einnahmequellen, die an die Einrichtung gebunden sind und sich zweckentfremden lassen. Im Fall des Maria Magdalena Hospitals geschieht das im 18. Jahrhundert. Stipendien für Studenten und Lehrer werden hier aus den Einnahmequellen finanziert, so Eleonore Berfelde (1967), S.32.

Um 1800 besteht hier letztlich nur ein Krankenhaus: das Hospital für arme Reisende (Hospital Peregrinorum). Wer in der Stadt lebt, holt den Arzt ins Haus. Eine Forschungseinrichtung, wie sie ein Universitätskrankenhaus sein könnte, besteht damit nicht. Das Anatomische Theater erfüllt hier eher die Aufgabe einer Forschungsinstitution.

Das Marien Magdalenen Hospital, Brühl Nr. 4

Friedrich Albert Klebe, Gotha und die umliegende Gegend (Gotha: Carl Wilhelm Ettinger, 1796):

"Der Bau dieses ansehnlichen Gebäudes wurde 1716 angefangen und laut der Inschrift über dem Thore 1717 vollendet Es befindet sich dabei eine Kirche die ihren eignen Prediger hat Zwölf arme alte Männer und eben soviel Frauenspersonen halten sich darinn auf. Sie bezahlen bei ihrem Eintritt eine gewisse Summe. Die Administration der Hospitalgüter hat der Magistrat die Aufsicht aber das geistliche Untergericht."

August Beck, Geschichte der Stadt Gotha (Gotha: Thienemann, 1870), S.347

Das jetzige Gebäude des Hospitals ist nebst der Kirche am 24. Oktober 1719 feierlich eingeweiht du im Jahr 1750 berappt und angestrichen worden. Durch eine Reparatur im Jahe 1811, welche 652 Rthl. kostete, wurde es verschönert.
Ein besonderer Prediger für das Hospital wurde erst im J. 1730 angestellt, aber im J. 1788 wurde wegen der damaligen mißlichen Lage der Hospitalscasse diese Stelle wieder eingezogen und das Predigen dem Stadtvicare übertragen. Im Jahre 1820 wurde die Hospitalspredigerstelle wieder hergestellt.
Die ursprüngliche Anzahl von 10 Männern und 11 Weibern wurde durch ein Rescript Herzog Ernst’s II. (20 Dec. 1782) bis auf 12 Manns- und 12 Weibspersonen erhöht. Die Anstalt ist nach denn späteren Bestimmungen weniger zur Unterstützung der Armuth als vielmehr dazu bestimmt, einen Aufenthaltsort zu gewähren, wo sie in geräuschloser Abgeschiedenheit die letzten Tage ihres Lebens hinbringen können.
Früher mußte jeder Aufgenommene ein Einkaufsgeld von 150 Mfl., jetzt 200 Mfl. zahlen. Für jedes Jah über 60 weden 10 Mfl. weniger für jedes Jahr unter 60 15 Mfl. mehr gezahlt. Für dieses Geld werden freie Wohnung und Heizung, wöchentlich eine gewisse Pfründe an Brot, Fleisch, Getränke und baarem Gelde gewährt; sonstige Lebensbedürfnisse müssen die Pfründner aus eigenen Mitteln anschaffen. Jeder hat eibe besondere Zelle, kann aber auch, namentlich zur Winterszeit, in der allgemeinen Conventstube sich mit angemessenen Arbeiten beschäftigen.|<348>
Die ältere Hausordnung (leges) vom 1. October 1786 wurde am 19. October 1813 verbessert und vom Oberconsistorium bestätigt (14. Februar 1814). Für die Einhaltung derselben haben ein Hausvater und eine Hausmutter zu sorgen. Ein Hospitalsprediger leitet den Gottesdienst, und Beichtvater ist der erste Stadtdiaconius, Ein Hospitalcassirer, ehemals Kastenschreiber genannt, ist Rechnungsführer. [Es folgen Aussagen über die Kassenentwicklung, Rücklagen, die positiv verlaufen.]

Das Haus war im heutigen Sinn ein Altenheim. Eine Instruktion für Ärzte wird erst 1826 erlassen. Die Insassen beschwerten sich 1747 über die Bedingungen.[3]

Der Siechhof (auch Hospital Leprosorum), vor dem Siebeleberthore am Erfurter Wege, i.e. Erfurter Landstraße Nr. 7-9

Friedrich Albert Klebe, Gotha und die umliegende Gegend (Gotha: Carl Wilhelm Ettinger, 1796):

"Der Siechhof, der auch der Sonderhof heißt, liegt vor dem Siebeleberthore am Erfurter Wege. Er ist ebenfalls für arme und gebrechliche Leute bestimmt. Die Kirche, welche sich dabei befindet, ist die Friedrichskirche, deren wir schon oben gedacht haben. Sie ist vom Herzog Friedrich II im Jahr 1715 neu erbaut worden. In beide angeführte Hospitäler darf Niemand ohne besondere Dispensation vor dem 60 Jahre aufgenommen werden."

August Beck, Geschichte der Stadt Gotha (Gotha: Thienemann, 1870), S.86:

Den Gottes-|<367>dienst besorgte ein Candidat, die sacra dr Hofdiaconus. […]
Auf die Vorstellung der Bewohner des Siechenhofs wegen ihres kümmerlichen Auskommens im Jahre 1753 wurde aus den angewachsenen Mitteln dieser Anstalt jedem einzelnen eine Zulage von 6 Pfennigen zur Pfründe und auf die Sonn- und Festtage 6 Pfennige zu einem Maße Bier, ingleichen auf die hohen Festtage 2 Groschen zu einem Nösel Wein und 6 Pfennige Zuschuß zum Fleische verabreicht (18. Mai 1753).[4]
Der Siechenhof wurde neuerdings (1. Sept. 1839) zu einem städtischen Armenhause und einer Arbeitsanstalt umgeschaffen. Im Armenhause wurden hochbetagte, arbeitsunfähige, an allen Angehörigen verlassene Arme untergebracht, in der rbeitsanstalt aber arbeitsscheue, lüderliche, dem Trunke ergebene Personen eingesperrt. Die seitherigen Pfründner des Siechenhofs wurden mit denen des Maria-Magdalenen Hospitals vereinigt und das letztere dazu ausgebaut, größtentheils aus Mitteln der Hospitalcasse

Hospital für arme Reisende (Hospital Peregrinorum) , am Brühlthor

Friedrich Albert Klebe, Gotha und die umliegende Gegend (Gotha: Carl Wilhelm Ettinger, 1796):

Ausser diesen milden Stiftungen ist noch vor dem Brühlthor ein Hospital für arme Reisende. Auch Kranke aus der Stadt die keine Pflege haben werden hierher gebracht und finden hier Pflege und Wartung.

August Beck, Geschichte der Stadt Gotha (Gotha: Thienemann, 1870), S.347

Das Armenhaus oder Hospital Peregrinorum oder Gasthof für die Armen lag zwischen dem Brühler Thore und dem Gottesacker. [...]
Das Hospital lag anfangs auf der linken Seite des Weges nach Eisenach; als aber dieser Platz um 1693 durch den geheimen Rath Jacobs zu einem Garten benutzt wurde, ließ dieser Herr das Gebäude auf die gegenüberliegende Seite bringen „aus sonderbarer Freigibigkeit weit bequemer aufrichten, als es hiervor gewesen. Nachdem aber an demjenigen Orte, wo vordessen die Pestilenzhäuser gestanden, eine große geräumige Wohnung für dergleichen kranke Leute und des Publicums Besten mit ziemlichen Kosten aufgeführet worden, so ist deren Einbringung in das Hospital Peregrinorum nicht mehr nöthig.“[5]
Der gehässige Name „Pestilenzhäuser“ wurde im Jahre 1756 in den eines Armenhauses umgeändert. Im Jahr 1804 (6. Januar) wurde das Hospital Peregrinorum der Armencommission unter der Bedingung überlassen, daß sie 1) für die Unterbringung der armen kranken Reisenden, welche bisher in das genannte Hospital aufgenommen worden wären künftig sorgen sollte; 2) daß der jedesmalige Diener des Hospitals Mariä-Magdalenä auf Kosten der Almosencasse mit einer wenigstens so bequemen Wohnung unentgeltlich versehen werden sollte, als diejenige sei, welche er seither im Hospital Peregrinorum gehabt habe, und 3) daß wann entweder Anstalten der Freischule und des Werkhauses in der Folge gänzlich wieder aufgehoben würden, oder die Almosencommission es nicht mehr gut fände , für das Unterkommen der fremden Reisenden selbst zu sorgen, alsdann sofort die ganze Summe, welche durch den Verkauf des Hospitals Peregrinorum gelöst würde, dem Hospitale Mariä Magdalenä zur freien Disposition überlassen werden sollte.

Dieses Haus war das einzige richtige Krankenhaus. 1651 beherbergte es lediglich 3 Personen. Das Anatomie-Theater war hier zeitweilig beherbergt. 1762/63 diente es als französisch-kursächsisches Militärlazarett. Informationen über die medizinischen Behandlungen der Patienten liegen nicht mehr vor.

1803 wurde das Werk- und Armenhaus angeschlossen an das nun Frankenbergische Krankenhaus (das aus der Stiftung von Louise Friederike Freyin von Frankenberg 1801 hervorging: 3100 Rthl. - 600 für die Einrichtung und 2500 Rthl. für die Erstaustattung. Geschlechtskranke blieben zu Beginn ausgeschlossen. Bemittelte Gothaer Bürger wurden die neue Zielgruppe. 1803-1828 werden jährlich zwischen (ausnahmsweise - 1814) 5 und maximal 40 Patienten notiert. Die Todesrate ist vergleichsweise hoch, was damit zu tun hat, dass Einrichtungen noch nicht primär auf eine Heilung ausgerichtet sind. 1829-1852 gibt es drei Abteilungen und wesentlich höhere Patientenzahlen, sowie viel geringere Sterbezahlen - ein Indiz dafür dass man nun zunehmend ins Krankenhaus als den besseren Ort für eine spezifische Wiederherstellung der Gesundheit geht. Eleonore Berfeldes (1967), S.41-43 bietet die Jahresstatistiken.

1829/30 werden 44 chirurgische Eingriffe in diesem Krankenhaus ausgeführt. Die leitenden Ärzte sind im Verlauf Dorl, Beez, Brettschneider und Kästner.

Armenhaus vor dem Brühlthore

Friedrich Albert Klebe, Gotha und die umliegende Gegend (Gotha: Carl Wilhelm Ettinger, 1796):

"Eine andere Anstalt von der Art ist das Armenhaus ebenfalls vor dem Brühlthore Es ist für alte gebrechliche und kranke Arme und für solche Personen bestimmt die keine Miethe mehr bezahlen können und Allmosen genießen. In dieser Anstalt werden auch venerische Personen aufgenommen und wieder hergestellt. Dies Haus hat seinen eignen Arzt und Chirurgus. Auch kranke Domestiken und Handwerksbursche werden hier geheilt und in einigen geheizten Zimmern beschäftigen sich die Bewohner des selben im Winter mit allerley Arbeiten."

Garnison Krankenhaus auf dem Walle über dem Brühlthor

Friedrich Albert Klebe, Gotha und die umliegende Gegend (Gotha: Carl Wilhelm Ettinger, 1796):

"Das Garnison Krankenhaus nimmt die Kranken des herzoglichen Militairs auf, die hier gepflegt und geheilt werden Es befindet sich auf dem Walle über dem Brühlthor und steht unter der Aufsicht des Reg[iments] Chirurgus."

Krankenhaus für Hofbediente

Friedrich Albert Klebe, Gotha und die umliegende Gegend (Gotha: Carl Wilhelm Ettinger, 1796):

"Auch für kranke Hofbediente usw die keine Familie haben, ist ein eignes Haus unter dem Schlosse bestimmt, wo sie von ihren Krankheiten auf herzogliche Kosten geheilt werden."

Entbindungsanstalt

August Beck, Geschichte der Stadt Gotha (Gotha: Thienemann, 1870), S.86:

Eine Entbindungsanstalt wurde im April 1838 eingerichtet. Die Landstände verwilligten dazu 400 Rthl. und zur Unterhaltung derselben jährlich 200 Rthl.
Ein ärztlicher Verein zur wissenschaftlichen Fortbildung ward zu Ostern 1844 gegründet, um sich alle 14 Tage über Gegenstände der Medizin zu besprechen und ein collegiatisches Verhältniß herzustellen und zu befestigen. Anfangs waren es 31 Mitglieder. Stiftungstag war der 25. Juni. Nach dem Antrage der Abgeordneten Versammlung wurde, um die Umgestalktung des Medizinalwesens in Gotha vorzubereiten, eine Commissio niedergesetzt (26. Aug. 1850), welche bis zum Schlusse des Jahres 1853 den Entwurf einer Medizinal-Verfassung für das Herzogthum Gotha vollendete.[6]

Irrenanstalt, Ordonanzgäßchen Nr. 21

August Beck, Geschichte der Stadt Gotha (Gotha: Thienemann, 1870), S.482:

Tobsüchtige, wahnsinnige und gemüthskranke Personen wurden früher im Waisenhause verwahrt. Der Hauptzweck der Heilung solcher Unglücklichen galt nur als eine Nebensache. Eine Trennung von Verbrechern in demselben Hause war nothwendig. Die Landstände boten zu einer solchen Trennung willig die Hand. Zu solchem Zwecke wurde das vor dem Erfurter Thore neben dem sogenannten|<483> Ordonanzhause befindliche vormalige Fabrikgebäude nebst großem Garten für 8000 Rthl. angekauft und die Kosten zur ersten Einrichtung bewilligt. Am 17. November 1820 wurden die vorhandenen 23 Geisteskranken in die neue Irrenanstalt übergeführt.[7]
Im Jahre 1829 wurde die Aufsicht dem Polizeirath Eberhardt übertragen, der manche Mißstände beseitigte, namentlich die ökonomischen Verhältnisse besser ordnete. Bald darauf kam die Frage zur Erörterung, ob es nicht zweckmäßig sei, auch die coburger Irren in der hiesigen Anstalt aufzunehmen. Es ergab sich daß durchschnittlich nur 20 gothaische Irren in der Anstalt sich befanden und daß Raum für weit mehrere vorhanden war. Der Aufwand für eine Person kam durchschnittlich auf 213 Rthl. zu stehen; die Kost für einen Armen wurde mit 65 Rthl., für einen Wohlhabenden mit 100 Rthl. berechnet. Ein Rescript vom 11. Februar 1830 verfügte, daß coburger Irre für 150 Rthl. die Person aufgenommen werden sollten; demunageachtet wurden Einzelne zu niedrigeren Preisen angenommen. Die obere Behörde verlangte eine wohlfeilere Verwaltung (Mai 1840), weil die coburger Irren mit geringeren Kosten untergebracht würden. Da indeß ein geringerer Preis nur zum Nachtheile der hiesigen Anstalt gewesen sein würde, so gab man den Plan auf, coburger Irre aufzunehmen.
Am 9. August 1847 beschloß man, die Irren in vier Klassen zu theilen, nach den jährlichen Verpflegungsbeiträgen von 300, 200, 100 und 66 Rthl. Ausländer sollten nur in die beiden ersten Klassen gestellt werden. In welche Klasse ein Irre[!] zu stellen sei, bleibt der Landesregierung unter Mitwirkung der städtischen Mit-<484>glieder für die Irrenhaus-Angelegenheiten vorbehalten. Irrenarzt ist Dr. Warhold Ortleb.
In neuester Zeit ist die Aufhebung (1869) des Irrenhauses beschlossen worden, und die inländischen Irren sollen in der neuen meiningischen Irrenanstalt zu Hildburghausen gegen Vergütung untergebracht werden.

Marienpflege (1855-1923 erstes Kinderkrankenhaus)

Eingehend Eleonore Berfeldes (1967), S.48 ff.

Ärzte

"Für den Fremden den Krankheitsfälle betreffen können, führen wir ein Verzeichniß der hiesigen Aerzte an, von deren Geschicklichkeit schon längst das hiesige Publikum überzeugt ist.

Wundärzte

Unter den Wundärzten haben sich die Herren

Gesundheitszustand der Bevölkerung

"Epidemische Krankheiten herrschen äußerst selten in der Stadt. Durch vorhergegangene Hungersnoth wurde im Jahr 1772 eine Faulfieberepidemie veranlaßt, die viele Menschen wegraffte. Im Winter 1794, als eine starke Anzahl französischer Kriegsgefangenen hier durch gebracht wurden, kam durch diese ein Nervenfieber hierher, wovon indessen nur diejenigen erkrankten, die in ihren Lazarethen sich aufgehalten hatten. Es lagen überhaupt an dieser Krankheit 34 Personen hart darnieder, an welcher doch nur 6 starben. Unter diesen leztern befand sich ein hiesiger geschickter und beliebter Arzt der Dr Buddeus. Er starb allgemein beklagt als ein Märtyrer seiner menschenfreundlichen Kunst indem er den Unglücklichen zu Hülfe eilte, die als bedauernswürdige Schlachtopfer des schrecklichsten Krieges auf dem langen Wege zu ihrer Bestimmung das Mitleid aller fühlenden Menschen erregten und besonders hier zu Gotha Erquickung und Linderung ihres namenlosen Elends fanden.
Die Ruhr ist selten und nur sporadisch. In einigen benachbarten tiefen und sumpfigt liegenden Dörfern herrscht sie zuweilen epidemisch z.B. zu Molschleben u.s.w.
Epidemische Krankheiten kennt man nicht. In einigen Walddörfern kann man die Kröpfe dafür gelten lassen.
Zu den häufigern Krankheiten, die von den Aerzten zu Gotha bemerkt werden gehören Gastrische Krankheiten Hypochonderie, Hysterie, Nervenschwäche, Myopie, Gicht, Rheumatismus, Lungensucht. Für Lungenkranke scheint die Stadt sehr ungünstig zu liegen. Skrofeln sind leider auch hier häufig Aus dieser Quelle fließen mannichfaltige Leiden der Kinder, unter andern auch der Knochenfraß. Die englische Krankheit ist offenbar jetzt seltner als sie sonst hier war eben so auch die tinea capitis. Die wärmern Kopfbedeckungen der Kinder sind aber auch in Gotha ganz außer Gebrauch gekommen.
Dem so übermäßigen Gebrauch der warmen Getränke ist ein großer Antheil an den häufigen gastrischen Krankheiten Nervenkrankheiten und den Gliederschmerzen zuzuschreiben. Bei dem gemeinen Mann besteht die gewöhnliche Kost der jungen Kinder in Kaffeesuppen.
Zu den seltnern Krankheiten gehören reine inflammatorische Krankheiten (der Seitenstich ist gemeiniglich gastrisch,) Stein, kalte Fieber, Kindbetterinnenfieber.
Sulzer führte die Inoculation der Blattern zuerst ein. Sie findet wenig Widerspruch selbst unter dem Landvolke nicht unter dem sie besonders durch den zu früh verstorbenen Buddeus ausgebreitet wurde. Aus der Vergleichung von 17 Jahren ergeben sich für die Sterblichkeit folgende Mittelzahlen
In einem Jahre
334 Gebohrne
300 Gestorbene, unter diesen
128 Kinder,
4 Sechswöchnerinnen
Die Volksmenge muß also zunehmen. Die Sterblichkeit unter den Kindern ist sehr beträchtlich, die der Wöchnerinnen sehr gering. Im Februar, März, April und May sterben gewöhnlich die meisten Menschen; im Julius und October die wenigsten und das Verhältniß jener Monate zu diesen ist ungefehr wie 36 zu 13. Die hier jährlich erscheinenden nach einem zweckmäßigen Plane eingerichteten Kirchenlisten enthalten immer eine große Anzahl Personen, die ein hohes Alter erleben. Man kann im Durchschnitt 50 Personen jährlich rechnen, die das Alter von 70 bis 90 Jahren erreichen. Die älteste Person in den vor mir liegenden Listen war 97 Jahr alt; über 100 keine. Indessen ist dies aus den ältern Tabellen nicht zu bestimmen, da diese das Alter der Verstorbenen nicht so angeben, wie es in den neuern der Fall ist. Die Anzahl der Ehen hat im Ganzen seit 1790 abgenommen. Vor diesem Jahre betrug die Anzahl der Copulirten jährlich doch meistens über 100 Paar und im Jahr 1776 sogar 129. Aber seit dieser Zeit ist ein merklicher Abstand und im Jahr 1794 bis 1795 sind nur 57 Ehen geschlossen worden. Man braucht sich nicht darüber zu wundern, wenn man die vermehrten Bedürfnisse und die drükkende Theurung bedenkt, die hier so wie anderwärts die eheliche Verbindung erschweren. Dagegen hat die Anzahl der unehelichen Kinder zugenommen. Im Jahr 1775 1776 und 1777 betrug die Anzahl derselben nicht über 16. Im Jahr 1790 stieg sie auf 30 im Jahr 1793 auf 44 und 1795 gar auf 73, so daß also im vorigen Jahre in welchem 376 geboren wurden ohngefehr das 5te Kind ein uneheliches war." A Klebe (1796), S. 216

In Gotha herausgegebene Zeitschriften für Medizin, Chirurgie und Arzneikunst

Literatur

  • Eleonore Berfelde , Die Gothaer Krankenanstalten von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Ein historischer Abriß. [Diss.] (Erfurt: Medizinischen Akademie, 1967). [Exemplar im Staatsarchiv Thüringen]

Anmerkungen

  1. Klebe
  2. Ministerial-Archiv, JJ, XII, 4
  3. Eleonore Berfeldes (1967), S.32, Fußnote 76.
  4. XX, VII, 42 Haus- und Staatsarchiv.
  5. Brückner [Kirchen und Schulstaat, III, 10, 18. Gebke, Kirchen und Schulverfassung.
  6. Ministerial-Archiv, JJ e) no. 40 u. 42.
  7. Brückner, Über die Unterbringung gemüthskranker Personen in den gothaischen Landen, besonders über die Einrichtung eier neuen Irrenanstalt in Gotha 1824. Ministerial-Archiv, JJ, XII, 6b. Heß, Mittheilungen aus dem statistischen Bureau, S. 239.