D-Q6606

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Commentary

Ausgangsthese annähernd pantheistisch: die mit Denkkraft begabte Natur auf als Gegenstand unserer Erkenntnis – wird von uns am ehesten in einem Akt der Selbsterkenntnis erschlossen.

Ziel die Erkenntnis ist es herauszufinden wie sich Glückseligkeit für alle empfindenden Seelen herstellt.

Praktisch werde an dieser Stelle die Selbstlokalisierung des Menschen in der Schöpfung nötig: Was teilt er mit den höheren Wesen der Seraphin, was mit den niederen der Tiere (an die Platon, Aristoteles und Pythagoras ihn banden, letzterer über eine Theorie der Seelenwanderungen, in der Gänse und Enten zu menschlichen Vorfahren wurden). Für die antiken Philosophen hat Gadow eher Spott ürbig (Aristoteles habe den Menschen mit einem nackten Hasen verglichen, nachdem Platon vom gerupften Huhn gesprochen habe, so Diogenes Laertios – das bleibt zurück hinter den komplexen Definitionen, die Aristoteles andernorts gab).

Vernunft unterscheide den Mensch von den Tieren, die Sprache gebe uns hier Aufschluss – eine These, die Gadow sofort in eine – willkommene – Sackgasse führt. Papageien und Stare können sprechen, doch besitzen sie keine Vernunft. Die von den besten Philosophen nicht aufgelöste Frage, so das mehrfach gegebene Statement, bleibt auch hier offen. Weder in der Sprachdefinition noch in der Vernunftdefinition ein tieferes Nachdenken, kleine Spielereien mit Sophistik der Antike und Überlegenheit der Aufklärung, die hier keine Gegenbeweise antritt. Die Illuminatenaufsätze sind zuweilen eine Schaubühne für das Laienhafte, das von sich gar nicht erwarten darf irgendetwas klären zu können. Hier wird geklärt, dass der Autor sich in kuriosem Bildungsgut auskennt.

Transcript

Ueber den Menschen
Butus am 27ten Din 1156


Jedes Geschöpf, das die Natur mit
Denkkraft begabt, und mit der Fähig-
keit sie zu gebrauchen ausgerüstet
hat, findet keinen nähern Gegenstand
worauf es dieses edle Geschenk zuerst
anwenden sollte als sich selbst; auch ist
nichts natürlicher und zwekmäßiger
für jedes endliche Wesen, als das zuerst
zum Gegenstand seines Nachdenkens
und seiner Betrachtungen zu machen,
was ihm unter allen Dingen außer ihm
am nächsten liegt, und am unzertrenn-
lichsten mit ihm verbunden ist. Und
was kennte dieß anders seyn, als seine
eigne Natur? – kann sich je eine allge-
meine Regel paßend u[nd] richtig auf
das Geschlecht unserer Erdbewohner
anwenden lassen, so ist es gewis diese,
und muß es um so mehr sein, da eben
die Allgemeinheit die wir ihr beylegen
ihren Grund mehr in einem analogischen|<2>
Schluße den wir von uns aus auf andere
ähnliche Geschöpfe, und von unserer
Natur auf die ihrige machen, als in
einer strengen Überzeugung durch Beweise
a priori haben mag, und wir also das
eigentlich nicht erst außer unserm Pla-
neten zu suchen brauchen, was wir
nirgends beßer als auf ihm, und in uns
selbst zu finden im Stande sind.

Soviel ist indessen gewis, wo auch diese
Gewisheit ihren Grund haben mag, daß
es des Menschen erste Pflicht und die erste
seiner Klugheitsregeln ist sich selbst
kennen zu lernen, und daß unter
allen Gegenständen, die ihn beschäftigen
könnten keiner mehr seine ernstliche
Aufmerksamkeit verdient, als eben
dieser, weil unter allen keiner ist,
der ihn näher angeht, keiner also, der wichti-
ger und interessanter für ihn seyn könnte.
Nichts muß er sich daher mehr und ernst-
licher angelegen seyn lassen, als eine deut-
liche und gewiße Kentniß seiner Selbst
sich zu erwerben, weil nur diese ihn auf
die Mittel führen kann, die er amwenden|<3>
muß um zu dem lezten gemeinschaft-
lichen Zweck aller empfindenden Wesen,
zur Glückseeligkeit gelangen zu können.
Will nun aber der Mensch sich diese so
nöthige Bekanntschaft mit sich selbst
erwerben, so muß er zuerst den
Menschen überhaupt studiren, das ist
sich mit der Natur dieser Gattung und
denen Eigenschaften bekannt machen, wodurch
sie sich von allen übrigen Gattungen von
Geschöpfen unterscheidet, und die jedes
zu ihr gehörige Individuum, ja er selbst
aus der Ursache besizt, weil er ein Ge-
schöpf dieser Gattung ist. Dann muß
er untersuchen worinn sich einzelne
Menschen von andern unterscheiden, und
sich eine Festigkeit in Kentniß der
Karactere und in Duchschauung der
Geister zu erwerben suchen; und dieß
ists was man in engerer Bedeutung
Menschenkentniß zu nennen pflegt.
Endlich und vor allen Dingen muß er
erforschen was er selbst vor allen übrigen
Geschöpfen seiner Gattung auszeichnendes besizt.|<4>
Von allen diesen erworbenen Kenntnissen
zusammengenommen muß er dann den
bestmöglichsten Gebrauch zum Besten
seiner Selbst und anderer zu machen
suchen, den ihm seine Eigenschaften anzeigen
und seine Kräfte verstatten.

So wenig nun auch diese Regeln von
dem grösten Theil der Menschen beobachtet,
und so sehr sie von vielen aus Mangel
an Zeit oder Veranlaßung, von nicht
wenigen aber auch aus strafbarer
Sorglosigkeit vernachläßigt werden,
so wahr und unumstößlich bleiben
sie doch, und so nüzlich, ja so noth-
wendig ihre zwekmäßige Anwendung.

Nicht selten m[eine] Br[üder] war diese Materie
der Gegenstand meines Nachdenkens
in ernsten Stunden sowohl, als wenn
mein Geist feßellos das weite Feld
der Ideen durchschwärmte, und ich
wage es Ihnen einige wenige Resultate
von beyden jezt vorzulegen, in der
Hofnung daß Sie wo ich strauchle mich
mit Festigkeit leiten, und wo ich irre
mit Nachsicht zurechtweisen werden.

Aus dem ersten Hauptpunkt, dessen|<5>
dessen [!] ich eben gedachte, und der in
der Bekanntschaft mit der Natur und den
Eigenschaften der ganzen Menschengat-
tung überhaupt besteht lassen sich dünkt
mich 3 Fragen aufwerfen; nemlich:

1.) Was ist der Mensch?
2.) Was war er ehe er seinen iezigen Wohn-
     platz betrat?
3.) was wird er seyn wenn er ihn verlaßen hat?

Jede dieser Fragen enthält in der Beantwor-
tung Schwierigkeiten die viele der Weltweisen
jedes Zeitalters aus dem Wege zu räumen
sich umsonst bemüht haben, und worin
die der künftigen Jahrhunderte viel-
leicht nicht glücklicher seyn dürften. Auch
erhebe ich mich nicht bis zu einer strengen
Beantwortung derselben, sondern begnüge
mich Ihnen blos diese wenigen flüchtigen
Gedanken darüber mitzutheilen.

Was die erste Frage betrift, die ich in
einiger Verbindung mit dem zweyoten
heute vorzüglich zum Gegenstand einiger
Untersuchungen machen werde;
so ist über den Begriff des Menschen,
seit dem federlosen zweybeinigten
Thier des Plato[1] und dem gerupften
Hahn des Aristoteles[2] der jenes ver-
scheuchte, soviel gesagt und geschrieben|<6>
worden, daß man gewiß diese Materie
für erschöpft halten sollte, wenn unter
uns irgend etwas erschepft werden könnte.
Man kam bald auf ein Auskunfts-
mittel, das alle Schwierigkeiten gehoben
zu haben schien; man sagte der Mensch
sey ein Mittelding zwischen Thier und
Seraph; dem Geiste nach komme er
diesem, dem Körper nach jenem näher,
und die Vernunft, jenes unschätzbare
Geschenk der Natur, unterscheide ihn
ganz von dem Thiere, dem sie versagt
sey, und setze ihn in die Klaße der
höhern Wesen, mit denen er sein [durchgestrichenes Wort] ge-
mein habe, und von denen er sich
also nur dem Grade nach unterschei-
de. Diß alles begreiffen die 2
Worte: animal rationale.

Es hat sich dieser Begriff lange unter
den Philosophen fortgepflanzt und noch
bis auf unseren Zeiten erhalten; auch
scheint er mir hinlänglich auf unser
Geschlecht zu paßen, um es von allen
übrigen uns bekannten Geschöpfen zu
unterscheiden, und das ist doch das
Haupterforderniß einer Definition.

Nur einige wenige Bemerkungen|<7>
glaube ich darüber noch hinzufügen zu
müssen - - Der Mensch wird dem eben
angeführten Begriff zu folge mit zu
der Klaße der Thiere [Streichung] gezählt, insofern
man nemlich in weiterer Bedeutung
des Worts darunter jedes Geschöpfe
versteht, das mit Empfindungsvermö-
gen begabt ist. Dieses Empfindungs-
Vermögen ist nun entweder mit
Vernunft verbunden, welche den Men-
schen caracterisirt, oder nicht, in
welchem Falle sich alle übrigen soge-
nannten unvernünftigen Thiere
befinden. Die Vernunft soll also das
Kennzeichen seyn, woran man den
Menschen vom Thier unterscheidet.
Nun entsteht aber in mir noch der Zwei-
fel; wo findet man das untrügliche
Kriterium der Vernunft, welches in
zweifelhaften Fällen gleich den Ausschlag
gäbe, ob ein Geschöpf mit dieser Eigen-
schaft begabt sey oder nicht und ob es
daher zur Klaße der Menschen oder der
Thiere gezählt werden müßte? –

Sollte man es in der körperlichen Bildung
suchen? Gewis nicht, denn das ist es ja
eben was noch eines Beweises bedarf,|<8>
daß jedes alle Geschöpfe die mit der menschlichen
Bildung begabt sind, den Vorzug der
Vernunft mit Ausschließung aller
übrigen besitzen – Auch nicht in der
Sprache – denn daraus daß ein Geschöpf
das was in ihm vorgeht nicht durch ar-
ticulirte Töne zu erkennen geben kann,
ist unmöglich der Schluß auf die Be-
schaffenheit dessen zu machen, was
würklich in ihm vorgeht, und also auch
nicht zu entscheiden ob es Vernunft
besitze, oder nicht. Der Schluß von dem
Gebrauch der Sprache – insofern wir neml[ich]
darunter die Fähigkeit verstehen, seine
Gedanken durch articulirte Töne mitzutheilen
(denn daß hier nicht von den bloßen arti-
culirten Tönen die Rede sey, mit denen in
der Seele des Subjects kein würklicher Be-
griff correspondirt, sieht jeder leicht von
selbst ein, denn sonst müste sich mein
Satz auch auf Papageyen und Staare
anwenden, und also leicht aufs Unge-
reimte zurückführen lassen. – Der Schluß
vom Gebrauch der Sprache, sage ich, auf den
Besitz der Vernunft, hat unstreitig
statt, allein er läßt sich nicht um-
kehren, und es kann unmöglich von|<9>
dem Mangel der Sprache auf den Mangel
der Vernunft geschlossen werden.

Es müste also dieses Kriterium anders-
wo zu suchen seyn. Allein wo man
es finde, getraue ich mir nicht zu ent-
scheiden, um so mehr, da die Aehnlich-
keit und Gleichförmigkeit die wir
in Geistes Aeußerungen der Menschen
und der mancher Thiere oft bemerken, diese
Entscheidung noch schwieriger macht.
Soviel wird indessen, wie mich dünkt
daraus wahrscheinlich daß der Mensch, so
wie er von den höhern Geistern dem
Grad nach sich unterscheidet, auch nur
so und nicht anders von den Thieren
verschieden sey. Nicht nur der obige Er
fahrungs-Satz, den unzälige Beyspiele
bestätigen, sondern auch die ganze
Analogie der Schöpfung, und die Stuffen-
leiter der Wesen woran gewis keine
Sprache fehlt, unterstützen diese Wahr-
scheinlichkeit mit nicht geringem Ge-
wicht. Die allgemeine Fortschreitung
in der ganzen Natur, des Ganzen sowohl
als jedes einzelnen Theils desselben, die
in der ganzen Natur nach der Meinung
mehrerer Weltweisen und Natur-
kundigen herrscht, ist mir sehr angenehm,<G-010>
und des Schöpfers der Weltsysteme
ausnehmend würdige Hypothese.

Wenn wir aber diese annehmen, so dürfen
wir nicht blos auf die Grade der Vollkom-
menheit hinschauen; die wir noch vor
uns haben, sondern wir müssen
auch auf die Stuffen zurükblicken,
die schon von uns zurükgelegt sind,
und bey diesem Zurükblicken wird es
mir nicht ganz unwahrscheinlich
daß wir vielleicht nicht in eben dem
Zustand uns befunden haben oder in Aus-
bildung unserer Fähigkeiten nach eben-
so mit zurükgeworfen sind, als etwa
dieses oder jenes Thier das wir vor uns
sehen; und daß eben so auf der anderen
Seite eben diese Thiere, vielleicht nur
mit weniger ausgebildeten Fähigkeiten
begabt; dereinst eben die Stuffe der
Vollkommenheit erreichen können auf
der wir izt stehen. Es kommt diese Mei-
nung einer Art von Metempsychose
ziemlich nahe; allein wenigstens meiner
verfemesten Metempsychose, die nicht
wie die pythagoreische die Menschheit
rückwärts gehen läßt, und in Enten
oder Gänsen die Väter der lebenden Ge-
nerationen erblickt.[3] Aber wie sehr|<10>
wird dieß nicht die Vermuthung bestä-
tigen, daß der Mensch von dem Thieren
nur dem Grade nach verschieden sey, um
so mehr, da er in Ansehung des Körpers
so nahe mit ihnen verwandt ist.

Ferne sey es indessen von mir aus dieser
Vermuthung mehr als Vermuthung, oder
wohl gar Wahrheit machen zu wollen.

Das Bewußtseyn meiner Schwäche sowohl,
als die Schwierigkeit der Sache selbst,
würde dieß zur Verwegenheit machen,
ja ich bin geneigt zu glauben,
daß wir nicht ganz helle hierin sehen
werden, als bis wenn wir eine höhere
Stuffe der Wesenleiter noch betreten
ein weiterer Gesichtskreis sich uns
eröfnen wird.

./.

St. Evremont

Notes

  1. Platon definiert in den Menschen als zweifüßiges, federloses Wesen. Um diese Definition der Lächerlichkeit preiszugeben, brachte Diogenes zu einem Auftritt einen gerupften Hahn mit und stellte ihn als Platons Menschen vor. Dies berichtet Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen, Buch 6, 40.
  2. Vgl. Die vorhergehende Anm. Es handelt sich eigentlich um den Hahn des Diogenes, nicht des Aristoteles, möglicherweise berichtete letzterer die Geschichte aber noch vor Diogenes Laertios (muss geprüft werden).
  3. Zur Seelenwanderung bei Pythagoras siehe: Herbert Strainge Long, A Study of the Doctrine of Metempsychosis in Greece from Pythagoras to Plato (Princeton: Princeton University, 1943).